Die Summe meiner einzelnen Teile

Deutschland 2011, 117 Min.

Regie: Hans Weingartner

Darsteller: Peter Schneider, Timur Massold

Der junge Mathematiker Martin Blunt wird nach einem halben Jahr stationärer Behandlung aus der Psychiatrie entlassen. Die Psychiaterin händigt ihm seine Medikamente aus: Risperdal, Cipramil, Stilnox. Er scheint obdachlos gewesen zu sein, nun bezieht er eine kaum möblierte Plattenbauwohnung, die er „vom Amt“ erhalten hat. Er spricht bei seinem Arbeitgeber vor, vermutlich einer Versicherungsgesellschaft, und erfährt, dass man ihn doch nicht wieder beschäftigen kann. Er sei offensichtlich nicht belastbar genug. Der enttäuschte Blunt vegetiert vor sich hin, holt bei seiner Ex-Freundin ein paar Sachen ab und isoliert sich. Er zahlt seine Miete nicht, wird erneut psychotisch und bekämpft seine wirren Gedanken, die unentwegt um Zahlen kreisen, mit Wodka. Der Räumungsbescheid kommt, der Gerichtsvollzieher reißt ihn mit der Türöffnung aus dem Schlaf. Er packt ein paar Sachen zusammen und zieht durch die kalten Straßen. In seinem Wahn läuft er in den fließenden Verkehr und wird beinahe überfahren. Er nächtigt in Abrisshäusern und humpelt schon bald gemeinsam mit Viktor, einem zehnjährigen Jungen umher. Viktor spricht nur russisch, aber er zeigt ihm, wie man vom Flaschensammeln leben kann. Sie werden verjagt, und landen kurzfristig bei Martins Vater. Der ruft die Polizei, aber sie hauen rechtzeitig ab. Sie suchen Unterschlupf in einem Waldgebiet am Stadtrand, wo sie sich eine Hütte bauen, in der sie sich häuslich einrichten. Immer wieder besorgt sich Martin Schnaps, doch der kleine Viktor schafft es, ihn vom Saufen abzubringen. Inzwischen ist es warm geworden, und das Leben wird leicht und die Bäume werden grün. Martin hat wieder Kraft und Mut und rennt durch den Wald; er klettert auf Bäume, betrachtet das Leben im Wald und in der Stadt von oben. Im Abfall findet er einen Brief mit vielen Fotos, in dem von einem Leben als Aussteiger in Portugal die Rede ist. Er sucht die junge Frau namens Lena, an die der Brief gerichtet ist, und fängt an, von diesen portugiesischen Hütten am Meer zu träumen. Martin und Viktor sind nun Freunde und genießen ihr einfaches, autonomes Leben. Doch ihr Waldhaus wird entdeckt und abgerissen, Martin schlägt um sich und kommt in Polizeigewahrsam. Der kleine russische Junge, von dem er redet, ist nicht zu finden. Die behandelnde Psychiaterin aus der Klinik taucht in der Zelle auf und konfrontiert Martin mit der Behauptung, den kleinen Jungen habe es nie gegeben, er habe ihn nur halluziniert. Martin Blunt wird in die Psychiatrie überführt, aber ihm gelingt die Flucht. Er schafft es mit Viktor und Lena in den Bus nach Portugal zu steigen, aber der Bus wird angehalten und die Polizei holt ihn heraus. Martin Blunt liegt wieder einmal fixiert in einem Isolierraum, und fantasiert von einem kleinen russischen Jungen an der Hand einer jungen Frau.

Mit seinem Debüt „Das weiße Rauschen“ hat Hans Weingartner selbst die Latte unerreichbar hoch gehängt. Bis heute ist Daniel Brühl als psychotischer Heranwachsender unübertroffen; wer Auszubildenden die Heimtücke akustischer Halluzinationen vermitteln will, greift nach wie vor zu diesem Meisterwerk.

„Die Summe meiner einzelnen Teile“ schildert in ähnlich ergreifender Weise die existenzielle Not eines psychotischen Mannes, der in die Obdachlosigkeit flieht und in ihr beinahe zerstört wird. Peter Schneider spielt diesen Menschen auf beängstigende Weise; zeitweise wähnt man sich in einer unerhört distanzlosen Dokumentation, und hat den Geruch verwahrloster Körper und dreckiger Matratzen in der Nase. Martin Blunt wird getrieben von Panik; er humpelt als finsterer, bärtiger Penner mit flackerndem Blick durch die Abrisshäuser. Erst die vorsichtige Annäherung an den russischen Jungen und später die konstruktive Überlebensarbeit im reizärmeren Wald bringt ihn zur Ruhe.

Der Zuschauer ist nicht weniger irritiert als Martin Blunt selbst, als die Psychiaterin Viktor als Trugbild entlarvt. Man hat ihn doch wirklich gesehen! Damit ist man mindestens genau so verarscht wie vor 10 Jahren in „A biutiful mind“, als man den optischen Halluzinationen des Mathematikers und Nobelpreisträgers J. F. Nash als scheinbar realen Filmfiguren vertraute.

Ist Viktor tatsächlich Martin Blunts „inneres Kind“, wie ihm die Psychiaterin weismachen will? Imaginiert er sich selbst in Gestalt von Viktor, im Alter von 10 Jahren? Immer wieder gibt es kurze Rückblenden in Blunts erbärmliche Kindheit, die Traumatisierungen und Zusammenhänge andeuten, aber das Rätsel nicht wirklich entschlüsseln.

Dies ist ein ungeheuer roher und rauer Film. Der Zuschauer bleibt ungeschützt dem Elend ausgesetzt; nur dreimal trösten ein paar Gitarrenakkorde, um die kurzen Phasen des Glücks zu markieren. Die kleine portugiesische Utopie am Ende ist wie ein Klacks Zuckerguss auf einen bitteren Kanten Brot getupft. „Die Summe meiner einzelnen Teile“ stellt nicht zufrieden und macht nicht satt. Doch als Skizze eines obdachlosen Irrläufers ist dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller ohne Zweifel ein authentisches Porträt gelungen. Nicht nur in den Berliner Parks und Wäldern hausen Eremiten über Jahre und Jahrzehnte, Thomas Bock hat einen von ihnen in „Pias lebt gefährlich“ beschrieben. Vielleicht sind auch sie nicht wirklich allein.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.