Hirngespinster

Deutschland 2014 96 Minuten

Regie: Christian Bach

Darsteller: Tobias Moretti, Jonas Nay, Stephanie Japp, Ella Frey

 

Filmkritik von Günter Lempa:

In dem Film geht es um die Geschichte einer Familie, die unter dem schizophrenen Vater (Tobias Moretti als Hans Dallinger) leidet, der sich verfolgt fühlt, im Wahn die Parabolantenne des Nachbarn vom Dach reißt und schließlich gewalttätig wird, was zu seiner Einweisung in die Psychiatrie führt. Er wird zwangsbehandelt, dann entlassen, setzt bald seine Medikamente ab, die ihm dann noch für eine kurze Zeit die Ehefrau in das Essen mischt. Die Sache fliegt auf, der Ehemann ernährt sich nur noch mit Dosennahrung und wird wieder psychotisch. Er versucht sich als Maßnahme gegen die Feinde, von denen er auch seine Familie beeinflusst sieht, unter anderem mit Goldfolie, die er überall anbringt, zu schützen. Der Film fokussiert auf den erwachsenen Sohn Simon (Jonas Nay) der durch seine Liebe zur Studentin Verena (Hanna Plaß)die Kraft findet sich aus dem quälenden häuslichen Umfeld zu befreien.

Bezogen auf eine mögliche Verwendung des Films für didaktische Zwecke (Weiterbildung, Fortbildung etc.), lässt sich folgendes sagen:

1. Die Darstellung der psychiatrischen Behandlung ist anachronistisch. Sie besteht in der unfreiwilligen oder auch freiwilligen Gabe von Medikamenten. Gespräche zwischen dem Kranken und Ärzten oder Therapeuten werden nicht gezeigt. Es gibt keine Nachsorge und auch keine Beratung der Familie.

2. Die subjektive Seite des Kranken fehlt fast völlig, man erfährt etwas von einer Benachteiligung durch einen Arbeitskollegen, ebenfalls Architekt, wie der Protagonist, Hans Dallinger. Der Kranke wird aber mit einer gewissen Sympathie dargestellt. „Wer hin und wieder seinen Verstand verliert, der hat wenigstens einen“, sagt einmal die Ehefrau Elli (Stephanie Japp).

3. Gut und eindrücklich ist der Film bezüglich der Darstellung der Hilflosigkeit und Kollusion der Familie, die sich nicht gegen den Wahn des Vaters wehren kann und ohne jegliche Hilfe seinem psychotischen Agieren ausgesetzt ist, teilweise sogar mit ihm gegen die als feindlich erlebte Umwelt kollaboriert.

Der Film wurde mit einer Gruppe von Ausbildungskandidaten der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie, München im Rahmen eines Studientags zum Thema Psychose angesehen und diskutiert.

Die Teilnehmer waren berührt über die Ohnmacht der Familie und die große Schwierigkeit nicht in den Wahn hineingezogen zu werden.

Insgesamt ergab sich die Meinung, dass der Film z.B in der Angehörigenberatung gut verwendet werden könne, um typische Problemkonstellationen aufzuzeigen.

Günter Lempa

Filmkritik von Ilse Eichenbrenner:

Rechtzeitig zum „Welttag der seelischen Gesundheit“ am 10.10. 2014 ist der Spielfilm „Hirngespinster“ in einigen kleineren Kinos angelaufen. Die Gespinster im Kopf hat Hans, ein erfolgreicher Architekt, der sich abgehört und ausgespäht fühlt. Hans lebt mit Ehefrau Elli, dem zweiundzwanzigjährigen Simon und der kleinen Tochter Maja im eigenen Haus. Seine Freunde haben ihn aus der gemeinsamen Firma geworfen, weil er die Büroräume mit Schutzfolie auskleiden wollte. Nun beteiligt er sich an Ausschreibungen und Wettbewerben.

Die Handlung beginnt damit, dass die Nachbarn eine Satellitenschüssel auf ihr Dach montieren lassen. Hans zerstört in einer nächtlichen Aktion die Leitungen, und wird von seinem Sohn Simon dabei ertappt. Als Monteure erneut eine Schüssel installieren wollen werden sie von Hans angegriffen, er wird von der Polizei in die Psychiatrie gebracht. Dort war er bereits mehrfach, doch krankheitseinsichtig noch nie. „Geht es Dir wieder besser“ fragt die kleine Maja nach der Entlassung. „Wer sagt denn, dass es mir schlecht geht“, meint er knapp. Er verweigert die Medikation, wischt sie in der Klinik abrupt vom Tisch oder schlägt sie der Krankenschwester aus der Hand. Nach der Entlassung versucht Elli ihren Mann zur Medikamenteneinnahme zu bewegen, aber die Pillen landen im Abfall. Man hat Verständnis als Zuschauer und wird zu Ellis Komplizin, wenn sie die Pillen mörsert und in den Schokoladenpudding rührt. Simon, stets vernünftig und korrekt, missbilligt den Betrug seiner Mutter, der dann auch auffliegt, als Maja den kontaminierten Pudding des Vaters aufessen möchte.

Es passiert genug in diesem Film, ohne dass die Handlung Kapriolen schlägt. Man ist schon angespannt und aufgeregt genug, ohne dass ständig Spektakuläres geschieht. Hans schaut stets misstrauisch, argwöhnisch und ein wenig verächtlich herab auf seine Mitmenschen. Der schöne Schauspieler Tobias Moretti ist kaum wieder zu erkennen; seine Gesichtszüge sind grob, die Pupillen ganz nach oben, in eine andere Welt gerichtet. Auf die Visualisierung des Wahns und der Halluzinationen verzichtet der Film in kluger Weise ganz und gar. Hans ist ein stolzer Ritter im Kampf; nur mit der kleinen Maja scherzt er, immer ein wenig „über dem Strich“. Als sie sich ein Tischgebet wünscht spricht er „Lieber Gott wir danken Dir, dass die Kinder in Afrika hungern und nicht wir“.

Die Familie lebt in beständiger, höchster Anspannung. Der Vater ist unzugänglich, ein Fremder im eigenen Haus, um den sich alles dreht, vor dem sich alle fürchten, um den sich alle sorgen. Simon fragt im Krankenhaus den behandelnden Arzt, was er ihn offensichtlich schon oft gefragt hat: Gibt es keinen Test? Wie kann ich wissen, dass ich nicht auch diese Krankheit bekomme? Er fragt die Mutter nach dem Beginn der Erkrankung, denn es ist sein aktuelles Alter. Er lebt unterhalb seiner Möglichkeiten, fährt den Schulbus, bis die Eltern der Schulkinder nicht mehr damit einverstanden sind, dass der Sohn eines Irren ihre Kinder transportiert. Simon lernt Verena kennen, eine lebenslustige junge Frau, die im Krankenhaus ein Praktikum macht. Sie gibt ihm den Mut die Familie zu verlassen, und mit seiner Zeichenmappe nach Hamburg zu gehen.

„Hirngespinster“ ist kein großer, wegweisender Wurf, es ist nicht der Psychiatriefilm des Jahrzehnts, aber des Jahres vielleicht schon. Er ist gedreht aus der Perspektive des Angehörigen, des heranwachsenden Sohnes, der in fataler Weise gebunden ist. Es ist der Erstlingsfilm eines hochbegabten jungen Regisseurs, der all dies bei einem Freund erlebt hat. Der Film lebt durch seine rundum hervorragende Besetzung. Für seine verstörende Darstellung des schizophrenen Vaters wurde Tobias Moretti mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet.

Bei der Besprechung eines Films mit psychiatrischem Sujet darf die Einschätzung des Antistigma-Effekts nicht fehlen: Der Film verklärt die psychische Erkrankung nicht, sondern zeigt auch ihre erschreckenden Seiten. Das macht ihn glaubhaft und realistisch. Trotzdem verzichtet er auf unangemessene Gewalt. Als Simon erfährt, dass sein Vater nur eingewiesen werden kann, wenn er sich selbst oder andere gefährdet, da provoziert und schlägt er ihn. Doch Hans schaut ihn nur verächtlich an und wendet sich ab. Die Schizophrenie wird dem Zuschauer als ernste Störung vorgestellt, mit der es sich aber leben lässt: Als Betroffener und als betroffene Familie – zu einem hohen Preis. Angehörige, Psychiatrie-Erfahrene und Profis werden meine Einschätzung kritisch prüfen. Zu heftig, zu realistisch, zu überzogen?

„Hirngespinster“ ist nicht für das ganz große Kino gemacht; ich kann mir den Film aber sehr gut auf einer kleineren Leinwand oder einem Bildschirm vorstellen. Da der Film als Coproduktion des Bayrischen Rundfunks mit Arte entstanden ist dürfen wir ihn vermutlich schon bald im passenden Medium begrüßen.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de . Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

 

Eine weitere Besprechung des Filmes von Hans-Jörg Rother, erschienen im Tagesspiegel, finden Sie hier.