Bericht vom Herbst-Symposium „Manie“ des DDPP an der Charité vom 26. und 27. Oktober 2019

Es ist und bleibt eine Herausforderung – aber gemeinsam kann sie gelingen

Psychotherapeutische Arbeit mit Menschen in der Manie

Das diesjährige überregionale Herbstsymposium des DDPP e.V. setzTe sich am 26. und 27. Oktober 2019 mit der psychotherapeutischen Behandlung der Manie auseinander, die auf großes Interesse traf. Konsens war, dass psychotherapeutische Gespräche mit und ohne pharmakologische Intervention möglich bzw. notwendig sind. Und dies selbstverständlich auch im akuten Zustand, im stationären und im ambulanten Rahmen. Psychotherapie der Manie ist in jeder Phase und in jeder Schwere der Erkrankung angebracht, so Dorothea von Haebler als Vorsitzende des DDPP e.V. zur Eröffnung des Symposiums. Die Vorträge hierzu, in denen verschiedene Perspektiven, Verfahren und Settings dargestellt wurden, sollen in der Folge zusammengefasst werden:

Ikaria

Am Samstag, den 26. Oktober 2019 gestaltete Dipl.-Psychologin Hildegard Huschka den Auftakt des Symposiums mit ihrem detail - und facettenreichen Vortrag „Ikaria“ über die eigene Erfahrung mit der Manie als Professionelle. Hier zeigte sich wie wichtig der Einfluss der eigenen generationsübergreifenden Biographie und Lebenserfahrungen ist in der Dynamik als auch der Auslösung einer manischen Phase. Insbesondere das Selbst-Reflektieren, das mutige Hervortreten als Betroffene im Vortrag regte die Zuhörer*innen zu Fragen und Diskussionen an. Hildegard Huschka berichtet davon, dass eine bipolare Erkrankung häufig nicht als solche von den Behandlern erkannt wird beziehungsweise fälschlich als eine Depression diagnostiziert wird und somit die passenden therapeutischen Interventionen ausbleiben. Das läge nicht zuletzt daran, dass die Manie in ihrer Symptomatik immer so individuell sei, wie ein Mensch selbst.

Das Innere des Manikers im Blick

Eine Patientin wird in einer akuten manischen Phase auf der psychiatrischen Station aufgenommen – der Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Josi Rom berichtete eine Fallvignette aus seiner Zeit als leitender Arzt: „Stiefkind“ der Psychosenpsychotherapie, Therapeutisches Verstehen und Arbeit mit heftigen Affekten manisch - psychotischer Menschen. Anhand der klinischen Erfahrung vermittelte Josi Rom Grundsätze der therapeutischen Haltung in der Begegnung mit Menschen, die eine Manie haben: Das langsame Etablieren einer Beziehung zum Patienten in kleinen Schritten, die der Mensch mit Manie abwehren muss, gelingt durch das wiederholte klare und stringente Benennen eines Wir, schützt zugleich den/die Therapeut*in davor selbst ins Straucheln zu geraten und bietet dem/der Patient*in einen flexiblen und verlässlichen Fixpunkt zur Orientierung im eigenen Chaos. Dies ist sowohl zeitlich als auch ökonomisch aufwendig, wir sollten Patient*innen aber das Beste bieten, was wir haben, auch wenn dies kostenintensiv ist und dem gesundheitspolitischen Zeitgeist entgegensteht: Zeit, die es braucht, um eine Beziehung aufzubauen, die immer wieder miteinander verhandelt werden muss. Denn psychodynamische Therapie könne dabei helfen, dass Patient*innen die Möglichkeit erlangen ein zufriedenstellendes und glückliches Leben zu führen. Um diesen Weg mit dem/der Patient*in erfolgreich beschreiten zu können, ist es gerade für in Institutionen arbeitende Kolleg*innen von großer Bedeutung, die therapeutische Umwelt (das Behandlerteam) mit einzubeziehen, denn die Arbeit erfolge nicht allein, sondern mit den Anderen im Interesse des/der Patient*in.

„Kommen Sie uns besuchen, wenn es Ihnen wieder gut geht.“

Am Sonntag führte Dr. med. Thomas Dillo nach den intensiven kasuistisch-technischen Seminaren von Samstag und Sonntag morgen aus systemischer Perspektive durch die Behandlung der Manie im stationären Akutsetting mit seinem Vortrag „Systemische Ideen zum Umgang mit Manie – Erfahrungen aus dem stationären und ambulanten Setting“. Nicht selten droht die Symptomatik der Manie ernsthafte Störungen im Team hervorzurufen. Wie wichtig dabei das systemische Verständnis solcher auftretenden Störungen für die produktive Lösung der hervorgerufenen Schwierigkeiten wie z.B. Frust und mangelnde Motivation ist, illustrierte Wolfgang Dillo anhand der eigenen beruflichen Erfahrung. Gerade wenn Interventionen bei dem/der Patient*in nicht greifen und diese/r dafür nicht erreichbar scheint, ist es sinnvoll, eine andere Haltung gegenüber dem/der Patient*in einzunehmen. Durch die Veränderung des eigenen Blicks auf die Situation verändert sich die eigene Haltung und bewirkt dadurch Veränderung im System, dessen Teil sowohl Behandler*in als auch Patient*in sind. Menschen mit Manien, die auf der Akutstation behandelt werden, nach Abklingen der Symptomatik dazu einzuladen, das Behandlerteam auf der Akutstation zu besuchen, damit sie auch die bislang unbekannte Seite dieser Menschen kennenlernen, führt nicht nur zur Reduktion von auftretenden Schamgefühlen nach der manischen Phase, sondern fördert die Motivation sowie die Freude des Teams in seiner Arbeit mit Menschen mit Manien, von der alle Seiten nur profitieren können.

Nicht im Affekt verloren gehen

Prof. Dr. phil. Thomas Bock machte die Gruppentherapie bei Manien zum Zentrum seines Vortrags „Manie als Flucht nach vorn aus der Überanpassung: Gründe für Psychotherapie, Erfahrungen mit dem Gruppensetting“, der mit seiner Expertise der Sozialpsychiatrie durchflochten war. Auch die Gruppentherapie kann Menschen mit Manien zu Gute kommen, gerade da nicht nur Psychotherapeut*innen hier ein fruchtbares therapeutisches Instrument in der Behandlung zur Hand haben, sondern auch die Mitpatient*innen, aus denen die Gruppe besteht, einen wichtigen Teil der Arbeit leisten. In der Gruppentherapie bipolarer Patient*innen wird das Spiegeln des Verhaltens des Erkrankten durch die weiteren Gruppenmitglieder zu einem wichtigen Wirkfaktor. In der bipolaren Störung führt die Orientierung am anderen zu einer Überanpassung. Auch in der Manie suche der Mensch ein Gegenüber, was sich häufig nicht zeigt, doch es ist sogar ein Ringen um Kontakt. „Wer manisch ist, ist nicht glücklich, denn wer glücklich ist, braucht keine Manie.“ gibt Thomas Bock mit dem Abschlussvortrag des Symposiums den Anwesenden mit auf den Weg.

Die sich dann anschließende Diskussion erfolgte mit beiden Vortragenden des Vormittags und dem Publikum, welches auch am Sonntag noch den Hörsaal ausfüllte. Die gestellten Fragen können uns einen Hinweis dafür sein, was der DDPP auch in Zukunft weiter im Auge behalten soll, weiter vorantreiben muss und thematisieren kann: dass Menschen mit Manien unter uns sind, unter der Hochstimmung auch leiden und eine erhebliche Kraft in ihrem Umfeld entwickeln, die es nicht niederzuringen gilt, sondern der wir uns als Professionelle stellen, indem wir gemeinsam die Möglichkeit zu einer jeweils eigenen Position erarbeiten.

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