Bericht von der Tagung "Die Subjektiven Seite der Schizophrenie"

XVII Tagung „Die subjektive Seite der Schizophrenie“ vom 18.-20.2.2015

„Persönlich und bedürfnisorientiert, Prävention und Behandlung nach Wunsch und Evidenz?“

Erstmals fand die traditionell trialogisch ausgerichtete Tagung in Berlin an der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus statt. Eröffnet wurde die Tagung von Frau Schumacher vom Angehörigenverband psychisch Kranker Berlin. Auch im weiteren Verlauf der Tagung wurde in Vorträgen und in vielen Diskussionsbeiträgen die Sichtweise von Betroffenen und Angehörigen eingebracht.

Die Vorträge am Vormittag des 1. Tages stellten ein „Plädoyer für das Persönliche in der Therapie“ dar. Frau Montag wies auf die Bedeutung der zwischen“menschlichen“ Beziehung in jeder Therapie hin. Dabei gelte es die Besonderheit jedes Patienten wahrzunehmen und zu respektieren. Auch der Therapeut/die Therapeutin bringe -jenseits aller Fachkompetenz- etwas spezifisch Persönliches mit in die Behandlung ein. Herr Freyberger berichtete in einem Vortrag über die Bedeutung der Psychoanalyse zum Verstehen des Persönlichen über einen fast 12 Jahre gehenden Therapieverlauf, der erst nach vielen Umwegen und Rückschlägen schließlich zu einer wesentlichen Besserung im Befinden der Patientin geführt hatte. Seine Botschaft lautete, Geduld zu haben und durchzuhalten, da psychische Veränderungen Zeit benötigen. Herr Bock betonte die Bedeutung des Vertrauens und des Respekts vor der Andersartigkeit jedes Menschen. Frau Estroff aus den USA sprach sich angesichts der vielen politischen und sozioökonomischen Zwänge dafür aus, nicht zu resignieren. Sie rief dazu auf, dass jeder an seinem Ort das bestmögliche zu machen versuchen solle.

Das Nachmittagsthema lautete „Wie maßgeschneidert kann Psychiatrie sein?“ Hier setzte sich Frau Hauth beeindruckend kritisch mit den Leitlinien, insbesondere auch den S3 Leitlinien für Schizophrenie auseinander. Sie wies auf die komplexe Interessenslage und die Einflüsse von Industrie und Fachgesellschaften bei der Erarbeitung von Leitlinien hin. Anschließend stellte Herr Heinz seine Überlegungen zu heutigen Krankheitsmodellen vor. Als engere Krankheitsdefinition arbeitete er einen Überlappungsbereich von subjektivem Leiden, Einschränkung wichtiger Körperfunktionen und der sozialen Teilhabefähigkeit heraus. Herr Gallinat diskutierte in seinem Vortrag „Medikamentöse Therapie: Evidenz versus Wunsch und Erleben“ die Effekte der medikamentösen Behandlung. Dabei wies er darauf hin, dass die Verminderung von Symptomen und der Grad von Lebenszufriedenheit der Betroffenen oft nicht zusammenfallen. Er machte die Notwendigkeit einer individuellen Abwägung von Behandlungszielen und – risiken deutlich. Demnach verbiete sich neuroleptische Behandlung nach einem generellen Behandlungsschema. Leider musste der vorgesehene Beitrag von Herrn Bührig zur Kritik der personalisierten Psychiatrie aus Krankheitsgründen entfallen. Stattdessen wurde der Beitrag von Herr Krausz „Paradigmenwechsel wohin?“ vorgezogen. Herr Krausz unterstrich seine Kritik an der Psychiatrie – wie auch in den Vorjahren- mit Bildern psychisch kranker Wohnungsloser in Kanada. Hier hätten durchaus auch Bilder aus Berlin oder Hamburg gezeigt werden können, verbunden mit der Frage, wie es um die psychiatrische Betreuung von wohnungslosen Menschen in Deutschland bestellt ist.

Die Vorträge am Donnerstag standen unter dem Titel „Therapieziele zwischen Richtlinien und Funktionalität“. Hier trugen mit Frau Schulz und Frau Wilfer zwei in der Peer-Arbeit engagierte Erfahrungsexpertinnen vor. Beide Vorträge lösten unter den Zuhörern durch die darin geschilderten bedrückenden Erfahrungen mit psychiatrischer Behandlung spürbare Betroffenheit aus Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle psychiatrische Versorgung nicht mehr durch solch ein geringes Interesse an der psychologischen Bedeutung der Krankheitszeichen geprägt ist, wie es in den beiden Vorträgen an klang. Frau Bahner, Psychoanalytikerin und Erfahrungsexpertin, hob den Wert auch kleinerer Hilfsangebote, wie sie z.B. durch die Therapeuten der Erziehungs- und Familienberatungsstellen angeboten werden, betonte die Bedeutung einer trialogischen und vernetzten Arbeit. Frau Mahler stellte das Weddinger Modell der Integrierten Versorgung hervor und betonte die Notwendigkeit der Klärung und Abgrenzung von Wünschen der Patienten und Zielen der Behandler in der Therapie. Hier hätte man sich einen Vergleich mit Erfahrungen aus Modellen ambulanter Integrierter Versorgung gewünscht. Aus den im anschließenden Beitrag von Frau Karow aus der Integrierten Versorgung in Hamburg vorgelegten Zahlen wurden die Schwierigkeiten einer längerfristigen Stabilisierung gerade der Patienten mit paranoiden Psychosen deutlich.

Der Vorträge des letzten Tages beschäftigten sich thematisch mit „Behandlung und Gewalt – kann Zwang bedürfnisorientiert sein“. Hier referierte Frau Amering über die Menschenrechtsperspektive in der Psychiatrie. Leider fehlte die Zeit, um über die konkreten Auswirkungen und Konfliktebenen in der praktischen Anwendung der Behindertenrechts-konvention im psychiatrischen Alltag zu diskutieren. Frau Lang berichtete über die Bedeutung des Konzeptes „Offene Türen“ und über die Schwierigkeiten in der Umsetzung. In der anschließenden Diskussion wurde die brisante Frage aufgeworfen, ob die Öffnung der Türen auf der einen Seite gleichzeitig zu einer Zunahme von geschlossenen Einrichtungen wie der Forensik oder geschlossenen Heimen geführt habe. Herr Lehmann, bekannt als Vertreter der Betroffenen in vielen Gremien und Herausgeber des Anti-Psychiatrie-Verlages, befasste sich mit verschiedenen Aspekten des „Rechts auf Psychose“. Er appellierte an alle, durch Vorsorgevollmachten und Patiententestamente ihre Wünsche und Vorstellungen für den Fall einer medizinischen und eben auch einer psychiatrischen Behandlung niederzulegen und damit größtmögliche Eigenverantwortung zu übernehmen. Zuletzt stellte sich Frau Munk als Leiterin einer großen Versorgungsklinik der Frage nach Grenzen von Freiheit, Zwang und Autonomie in seelischen Krisen. Sie machte deutlich, dass der Psychiatrie neben dem Behandlungsauftrag auch eine Funktion innerhalb der staatlichen Ordnung übertragen ist, verbunden mit der Delegation von Gewaltausübung. Dabei sei jede Notwendigkeit der Gewaltanwendung (Zwangsbehandlung, Zwangsunterbringung) das Eingeständnis einer therapeutischen Niederlage. Sie betonte die Wichtigkeit einer exakten Dokumentation und Offenlegung jeder die Freiheit einschränkten Maßnahme. Die Mithilfe bei der Verarbeitung einer solchen oft traumatisch erlebten Behandlung gegen den Willen des Betroffenen sei ein unabdingbarer therapeutischer Auftrag.

In seinem „letzten Wort“ zog Herr Gallinat ein hoffnungsvolles Resümee im Sinne positiver Entwicklungen, die die Psychiatrie in den letzten Jahren geprägt hätten. Er lud zur Tagung im nächsten Jahr in Hamburg ein, die sich u.a. mit Alternativen zu Zwang und Gewalt beschäftigen werde.

Insgesamt eine reichhaltige und lebendige Veranstaltung, bei der man sich allerdings einige Male mehr Zeit und Raum für vertiefende und kritischere Diskussionen gewünscht hätte.

Norbert Hümbs/ Roswitha Hurtz

 

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