Tagungsbericht zum 7. DDPP-Kongress "Subjektive Konzepte bei Psychosen"

Vom 12. bis 14. Mai fand zum siebten Mal der DDPP-Kongress in den Räumen der Nervenklinik der Charité statt, diesmal zum Thema „Subjektive Konzepte bei Psychosen“.

Nach einem Grußwort der DDPP-Vorsitzenden Dorothea von Haebler eröffnete Stefan Weinmann den Kongress mit dem Vortrag „‘Wir und sie‘ – sind unsere Konzepte von Psychosen hilfreich?“. In der bisherigen Psychiatriegeschichte habe stets die Annahme vorgeherrscht, es gäbe kulturunabhängige, klare Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit. Ein kritischer Blick verdeutliche aber, dass diese strikte Trennung nicht aufrecht zu erhalten sei und das Leid der Betroffenen oft noch vergrößert. Es zeige sich auch zunehmend, dass psychotisches Erleben durchaus nicht nur auf Psychosen beschränkt ist: Ein Zehntel der Bevölkerung wisse von entsprechenden Symptomen (Halluzinationen etc.) zu berichten, ohne an einer Schizophrenie erkrankt zu sein. Ein anderes Verständnis psychischer Erkrankungen könnte hilfreicher sein, möglicherweise könne die transkulturelle Psychiatrie dabei helfen. Weinmanns Erfahrungsschatz aus seiner Arbeit bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) erwies sich dabei als große Bereicherung. In anderen Kulturen, etwa im Hochland von Neuguinea oder in Süduganda, seien psychotische Phänomene viel selbstverständlicher und fänden daher auch Integration in den gesellschaftlichen Alltag. Traditionelle Heilverfahren basierten häufig auf symbolischen Handlungen und bezögen die Betroffenen aktiv ein. Die Krankheitsverläufe unterscheiden sich deutlich vom europäischen Durchschnitt. Von diesem Verständnis, dass die Psychose einen Sinn hat und nicht repariert, sondern integriert werden muss, könne unsere Psychiatrie nur profitieren.

Am Samstagmorgen stellte der Präsident der DGPPN, der größten Fachgesellschaft der Psychiater und Psychotherapeuten Arno Deister, seine Sicht auf „Möglichkeiten und Chancen – Gesundheitspolitische Konzepte für eine zukünftige Behandlung psychotischer Störungen“ vor. Mit dem Versorgungsstrukturgesetz seien Bund und Länder verpflichtet, eine leitliniengerechte Versorgungslandschaft zu schaffen. Der Fokus müsse nicht mehr auf der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für die adäquate psychotherapeutische Behandlung liegen, sondern darauf, das Geforderte nun umzusetzen. Exemplarisch hierfür stellte Arno Deister das Regionale Psychiatrie-Budget vor, das es ermöglicht habe, die Bettenzahl des Klinikums Itzehoe zu halbieren und stattdessen die tagesklinische und ambulante Behandlung auszubauen. Nach fast zwei Jahrzehnten, seit denen dieses Projekt besteht, zog er eine positive Bilanz.

Im nächsten Vortrag berichtete Antje Wilfer vom Netzwerk der Stimmenhörer von ihren Erfahrungen als Psychiatrie Patientin. Kurz vor dem Abitur seien die Stimmen gekommen, in über dreizehn Jahren habe sie lange stationäre Aufenthalte gehabt, bei denen ihr weder die Psychopharmakotherapie noch andere Angebote hätten helfen können. Sie sei zunehmend zu einer verschlossenen und nicht mehr erreichbaren Patientin geworden, die mehrere Suizidversuche unternahm. Erst über ihre Kontakte zur Stimmenhörer-Bewegung und zu Marius Romme habe für sie eine einschneidende Veränderung begonnen. Antje Wilfer stellte das halbstrukturierte Interview von Romme/ Escher vor, mit dem die Auseinandersetzung mit den Stimmen und dem Zusammenhang mit der eigenen Situation und Lebensgeschichte angeregt und begleitet werden. Antje Wilfer arbeitet inzwischen als Genesungsbegleiterin in einer Berliner Klinik.

Den „sich und anderen fremd werdenden Menschen – auf der Suche nach der verlorenen Selbstverständlichkeit“ stellte Uwe Gonther aus Bremen vor. Seit langem werde Bleulers Neologismus „Schizophrenie“ von verschiedenen Seiten kritisiert, doch ein zeitgemäßer Krankheitsbegriff stehe noch aus. Dies könne nur unter Einbezug der Betroffenen geschehen, wobei schnell deutlich werde, dass deren „Ver-rückt-Sein“ häufig ein Versuch sei die Entfremdung von sich und der Welt zu bewältigen. In der Psychotherapie gehe es einerseits darum, den Betroffenen dabei zu helfen, einen erträglichen Umgang mit ihren Symptomen zu finden. Andererseits gehe es darum, in dieser Begegnung eine menschliche und glaubwürdige Grundhaltung zu entwickeln. Das Symptom als kreative Bewältigungsstrategie müsse auf eine ebenso kreative Behandlung stoßen. Als Beispiel eines gelungenen Behandlungsangebots benannte Gonther das Need-adapted-Treatment mit seinen Netzwerkgesprächen.

Die kasuistisch-technischen Seminare bildeten den Abschluss des Samstags und den Start in den Sonntag. In Gruppen von 5 bis 15  TeilnehmerInnen wurden hier verfahrensspezifisch laufende  Behandlungen aus der Teilnehmergruppe supervidiert. Diese Seminare ermöglichen in wohlwollender Atmosphäre Austausch, Unterstützung und Einblicke in den Alltag anderer KollegInnen.

Der Vortrag von Elisabeth Hämmerli mit dem Titel „‘Ich glaubte es sei göttlich – nun ist es aber teuflisch!‘ Umgang mit subjektiven Konzepten in der therapeutischen Begegnung“ bildete den Schlusspunkt des Kongresses. Sie schlug den Bogen von den verschiedenen subjektiven Konzepten zur Psychose zur konkreten psychotherapeutischen Haltung. Am Beispiel zweier Patienten machte sie deutlich, wie unterschiedlich die Konzepte von Therapeuten und Patient sein können. Hilfreich sei es, sehr genau auf Äußerungen und Verhalten der Patienten zu achten, um herauszufinden, mit welchem Selbstverständnis und mit welchen Erwartungen sie in die Psychotherapie kommen. Auch sie setzte sich für ein Krankheitsverständnis ein, dass die Psychose nicht als Defekt oder Mangel, sondern als Lösungsmodell versteht. In Äußerungen und manchmal seltsam anmutenden Verhaltensweisen teile der Patient oft nicht nur seine Sicht der Dinge mit, sondern in ihr stecke auch immer eine subjektive Logik. Dementsprechend mache die Psychotherapie aus, den Patienten zuzuhören und mit ihnen den Sinn ihrer psychotischen Erkrankung zu erkunden.

Die Diskussionen nach den Vorträgen waren an diesem Wochenende besonders spannend und lebendig. Zum Schluss lud Dorothea von Haebler alle zum 25. Psychosenpsychotherapie-Jubiläumskongress an der Charité im Herbst, am 7.-8. Oktober 2017 ein.

Edwin Wald

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