Psychotherapie von Menschen mit Psychosen – eine existentielle Erfahrung

Tagungsbericht zum Berliner Überregionalen Symposium für PsychosenPsychotherapie am 15./16.10 2016

Bei der Begrüßung der über 160 TeilnehmerInnen stellte die DDPP-Vorsitzende Dorothea von Haebler die inzwischen gedruckt vorliegende Broschüre mit Fort-, Aus- und Weiterbildungsangeboten zur Psychosen-Psychotherapie vor. Hier finden alle Interessierten Angebote in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich am Curriculum des DDPP zur Psychosen-Psychotherapie orientieren.

Die Fachvorträge eröffnete Luc Ciompi mit einem Erfahrungsbericht über schwierige therapeutische Situationen bei der Arbeit in der seit 32 Jahren bestehenden Soteria Bern. Dabei schilderte er Grenzsituationen, die von MitarbeiterInnen des therapeutischen Teams zu bewältigen waren, wie verbale Angriffe, Drohungen oder Weglaufen. Ciompi - einer der beiden Väter des Soteria-Konzeptes -, machte deutlich, dass es in der Arbeit mit akut psychotisch erkrankten Menschen vordringlich um das Erreichen einer emotionalen Entspannung geht. Zentral ist für ihn die kontinuierliche Begleitung, das „Dabei-Sein“ durch eine Bezugsperson, die sich individuell auf die Bedürfnisse des Patienten einstellt und alles tut, was Ängste und Spannungen mildert. Zum Abschluss seines Vortrages demonstrierte er noch seine positivste Grenzerfahrung: den Auftritt eines Chores aus ehemaligen Patienten anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Soteria.

Im Anschluss setzte sich Nadja Farag, psychologische Psychotherapeutin und VT-Ausbilderin, in ihrem Vortrag mit Grenzen der Behandlung – Umgang mit Bedrohung und Suizidalität auseinander. Sie wies auf die mit 10 % sehr hohe Suizidrate von Menschen mit psychotischen Erkrankungen hin. Dabei ereignen sich die meisten Suizide in den ersten vier Wochen nach einer Klinikentlassung. Beim Therapeuten kann der Suizid eines Patienten zu Schuldgefühlen und zur Verunsicherung im Hinblick auf die professionelle Kompetenz führen. Zum Thema Umgang mit Bedrohung schilderte sie eine Behandlungssituation aus ihrer Praxis. Während einer urlaubsbedingten Unterbrechung der Therapie hatte sich das Befinden der Patientin sehr verschlechtert und sie entwickelte im Rahmen ihres Wahnerlebens Tötungsabsichten gegen ihre Therapeutin, die als eine reale Bedrohung eingeschätzt wurden. In ihrem sehr persönlichen Beitrag reflektierte Nadja Farag die Dynamik der therapeutischen Beziehung und ihr eigenes Erleben angesichts der über einige Wochen anhaltenden Bedrohungssituation.

Nach der Kaffeepause stellte Maurizio Peciccia, Direktor des Instituts für psychoanalytisch- existentielle Psychotherapie in Assisi, die von Gaetano Benedetti für Menschen mit Psychosen entwickelte Therapie vor. Dabei handelt es sich um eine Elemente der Kunsttherapie einschließende Therapieform. In einem teils gemeinsamen, teils abwechselnden Malprozess konstituiert sich ein interpersonelles Unbewusstes, das eine therapeutische Arbeit ermöglicht, in die der Patient seine gesunden kreativen Anteile einbringt. Pecicca demonstrierte seine Arbeit in Form von eindrucksvollen Zeichnungen, die zunächst vom Patienten angefertigt und dann gemeinsam mit dem Therapeuten fortgeführt wurden und in denen sich eine zunehmende Integrierung abgespaltener Persönlichkeitsanteile erkennen lies.

Den Abschlussvortrag am Sonntag mit dem Titel „Leben Totgesagte wirklich länger?... und weitere Fragen am Rande des eigenen Fassungsvermögens“ hielt Michael Schödlbauer von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Dabei berichtete er im ersten Teil seines Vortrags über die Behandlung eines seit vielen Jahren an einer Psychose leidenden Mannes mit ausgeprägten Denkstörungen und wahnhaften Vorstellungen. Er zeigte Verstehens- und Bedeutungs-Möglichkeiten der Konkretismen und Neologismen des Patienten auf und versuchte die verschiedenen Gottesbilder seiner Wahnsymptomatik in einer Schizo-Theo-Logie zu ordnen. Im zweiten Teil seines Vortrags beschäftigte er sich mit der zuweilen im Behandlungsverlauf einer Psychosen-Psychotherapie auftretenden Langeweile, die er mit Rückgriff auf Heidegger als „fundamentales Existential“, auch als Grenzerfahrung beschrieb und in der „die Dinge und unser Selbst“ von Gleichgültigkeit umfangen sind.

Kernelemente der Tagung waren wie immer die kasuistisch-technischen Seminare, in denen die Teilnehmer in einer kleinen Gruppe und unterstützt von zwei in der Psychosenpsychotherapie erfahrenen Dozenten eigene Fälle vorstellen und diskutieren konnten.

Zum Abschluss dankte Dorothea von Haebler allen TeilnehmerInnen für ihr Interesse und den Referenten und Dozenten für ihre Mitarbeit. Sie lud alle zu der vom 12.-14.5.2017 wieder in der Charité stattfindenden DDPP-Tagung mit dem vorläufigen Titel „Subjektive Konzepte des Phänomens Psychose“ ein.

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