Tagungsbericht vom DDPP-Kongress „Psychose und Trauma“

Professor Hans-Peter Kapfhammer (Universitätsklinik Graz) eröffnete am Freitag den wissenschaftlichen Teil der Tagung mit seinem Vortrag „Trauma und Psychose – eine konzeptuelle, epidemiologische und klinische Perspektive“. Er stellte heraus, dass komplexe Zusammenhänge zwischen Trauma und Psychose bestehen. Traumen erhöhen das Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Umgekehrt haben aber auch Menschen mit Psychosen ein erhöhtes Risiko, traumatisiert zu werden und an einer Traumafolgestörung zu leiden.

Am Samstagvormittag berichtete Professor Mark van der Gaag (Freie Universität Amsterdam) über Ergebnisse der Psychotherapie von Traumafolgestörungen von Menschen mit Psychosen. Aus seinen Untersuchungen ergibt sich, dass Traumatisierungen einen bedeutsamen Faktor bei Psychosen darstellen. Nach den Ergebnissen einer von ihm geleiteten kontrollieren Studie mit 155 Patienten (je ein Drittel wurden mit Exposition oder EMDR behandelt; ein Drittel war auf der Warteliste) ist eine Behandlung der Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung mit EMDR und Exposition auch bei Psychosen effektiv und sicher. Er plädierte leidenschaftlich dafür, Menschen mit Psychosen traumatherapeutische Hilfen anzubieten, weil das die weitere Entwicklung und die Therapie von Betroffenen enorm erleichtern würde. Dies konnte er mit beeindruckenden Filmbeispielen illustrieren. In der Diskussion seines Vortrages ging es kontrovers um seine Einschätzung, dass eine psychotherapeutische Stabilisierung als Behandlungsform obsolet sei.

In der folgenden Podiumsdiskussion wurde Psychose- und Trauma-Therapeuten die Frage vorgelegt, wie eine qualifizierte Traumatherapie für Menschen mit Psychosen aussieht und wie sie umgesetzt werden kann.

  • Auf diese Frage antwortete zunächst Herr Priv. Doz. Dr. Ingo Schäfer (Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf), indem er darauf hinwies, dass angesichts der Häufigkeit der Komorbidität von Patienten mit Psychosen und PTSD eine Fortbildung der Therapeuten über die Behandlung beider Krankheitsbilder zu fördern sei. Die anwesenden Psychose-Psychotherapeuten motivierte er, sich in Psychotraumatologie weiterzubilden.

  • Zur weiteren Einführung in die Thematik trug Frau Dr. Birgit Riediger (Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn) die Kasuistik einer Therapie vor, wobei sie mit Hinweis auf „zwei eigentlich kontraindizierte Interventionen“ die Notwendigkeit eines kreativen Umgangs mit verschiedenen Therapietechniken verdeutlichte.

  • Herr Dr. Schulte-Herbrüggen (Traumaambulanz St. Hedwig-Krankenhaus Charité Berlin) äußerte sich zurückhaltend zu Therapieempfehlungen. Gefahren seien u.a. die einer "false memory induction", wenn fälschlich oder falsch aufdeckend gearbeitet werde, weiterhin könnten der Einsatz von Stabilisierungsübungen Vermeidungsverhalten unterstützen bzw. eine unterschwellige Botschaft "Du musst dich rausziehen!" vermitteln und es sei sehr wichtig, beim Einsatz verschiedenster traumatherapeutischer Techniken ausreichend Gefühle zuzulassen. Es komme auf den jeweiligen Einzelfall an. Mit seiner Position "Gehen Sie davon aus dass das Ausleben von Emotionen gefährlich ist? Wenn ja, und wenn Sie stabilisieren, dann sollten Sie die Therapie nicht machen!" forderte er einigen Widerspruch heraus.

In der anschließenden von Herrn Professor Klingberg und Frau Professor von Haebler geleiteten Diskussion, an der noch Herr Dr. Lempa (München) und Herr Dr. Aderhold aus Hamburg teilnahmen, und in die das Auditorium einbezogen war, wurde die Thematik vertieft. Dabei stand die Frage nach der richtigen Dosis von Schutz und Stabilisierung des Patienten versus Exposition im Vordergrund. Herr Aderhold erwähnte die sekundäre Traumatisierung, die durch die Behandlung entstehen kann. Herr Lempa sprach die Traumatisierung durch die Erkrankung selbst an sowie die bisher zu wenig beachtete Möglichkeit, dass auch Team-Mitarbeiter in der Psychiatrie durch Ereignisse wie Suizid traumatisiert werden können. In Beiträgen aus dem Auditorium wurde auch auf die Ängste des Therapeuten und auf die Notwendigkeit, diese wahrzunehmen und ausreichend zu bearbeiten, aufmerksam gemacht. Frau von Haebler wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Therapeut darauf achten müsse, dass es ihm in der Therapie „gut gehe“, nur dann könne es auch dem Patienten gut gehen.

Im Sonntags-Vortrag wurde von Herrn Dr. Josi Rom (Winterthur) die psychoanalytische Behandlung eines jungen Erwachsenen mit zeitweilig psychotischer Symptomatik und einer schweren Traumatisierung in der Vorgeschichte vorgestellt. Dabei gelang es Herrn Rom in beeindruckender Weise, ein psychodynamisches Verständnis der Lebensgeschichte seines jungen Patienten zu vermitteln. Deutlich wurde auch die Notwendigkeit eines flexiblen und kreativen therapeutischen Verhaltens – dies war damit ein Beleg für die in vorherigen Vorträgen vermittelte Theorie. Überzeugend dargestellt wurde auch die Bedeutung der therapeutischen Beziehung und welchen Belastungen diese im Verlauf einer Behandlung ausgesetzt sein kann.

Die Arbeit in den Fallseminaren war wie immer ein Hauptbestandteil der Tagung. In Gruppen bis zu 10 Teilnehmern wurden unter der Leitung von jeweils zwei Dozenten von den Teilnehmern eingebrachte Behandlungsfälle diskutiert. Dabei spiegelt die inhaltliche Ausrichtung der Fallseminare von psychodynamischen und familientherapeutischen Angeboten über Verhaltenstherapie bis zu trialogischen Seminaren die im DDPP vertretene Vielfalt der therapeutischen Richtungen wieder.

Zum Abschluss der Tagung dankte Frau von Haebler allen Teilnehmern, den Dozenten und den organisatorischen Helfern und lud gleichzeitig zu den nächsten Veranstaltungen ein:

  • Berliner Überregionales Symposium , 9./10.10.2015, das vom DDPP in Berlin ausgerichtet wird und zur

  • Nächster DDPP-Kongress vom 29.4. bis 1.5.2016 in Berlin

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