Tagungsbericht: Wenn Therapeuten und Patienten sich nicht finden – Wege zu Menschen mit Psychosen in Heimen oder Obdachlosigkeit

Tagungsbericht zum DDPP-Herbstkongress 2018

"Wenn Therapeuten und Patienten sich nicht finden - Wege zu Menschen mit Psychosen in Heimen oder Obdachlosigkeit"
Unter diesem Titel fand am 13. und 14. Oktober 2018 der gut besuchte Herbstkongress des DDPP in den Räumen der Nervenklinik der Charité statt.

Samstag, 13.10.18

Der Kongress begann mit Begrüßungsworten der DDPP-Vorsitzenden Prof. Dr. Dorothea von Haebler. Obdachlosigkeit und Unterbringung in geschlossenen Einrichtungen erschien ihr zunächst für einen DDPP Kongress als Wagnis, mit zunehmender Beschäftigung sei die Relevanz und Notwenigkeit eines erweiterten Diskussionsrahmens hierzu immer deutlicher geworden. Anhand eines Fallbeispiels aus ihrer psychotherapeutischen Praxis kam sie auf den den Bereich der geschlossenen Unterbringung zu sprechen. Sie folgerte als wichtiges Ziel mehr psychotherapeutische Leistungen auch für Menschen in geschlossenen Heimen und einen niedrigschwelligen Zugang für Menschen mit Psychosen in Obdachlosigkeit.

"Die Psychose ist kein Problem, sondern eine Problemlösung, die allerdings neue Probleme macht" - so startete Prof. Dr. Klaus G. Nouvertne in seinen lebendigen Vortrag mit dem Titel „Auf die Straße entlassen – Strukturelle Probleme der Versorgung und Beziehungsarbeit bei einer besonderen Gruppe psychotischer Patienten“. Eine häufige problematische Begleiterscheinung bei Psychosen seien Suchterkrankungen – etwa 60% der Patienten seien von einer Doppeldiagnose betroffen und nicht wenige befänden sich dazu in Wohnungslosigkeit. Trotz der beträchtlichen Zahlen seien die geläufigen Konzepte der Suchttherapie und der Psychosenbehandlung noch immer zu kontrovers und die PatientInnen deshalb vom Hilfesystem kaum erfasst. Der erfahrene Psychotherapeut und Sozialmediziner beschrieb für diese Menschen Behandlungskonzepte. Das Wichtigste sei dabei eine gemeinsame Grundhaltung aller Parteien eines Versorgungnetzwerkes und eine institutionsübergreifende Beziehungskontinuität. Es brauche mehr niederschwellige Angebote und dabei vor allem eine Zentrierung auf praktische Lebensprobleme auf der Basis einer psychotherapeutisch orientierten Grundhaltung.

Im Anschluss stellte Prof. Dr. Ingmar Steinhart in seinem Vortrag: „Von den Heimen der Eingliederungshilfe lernen?! Oder besser nicht? - Einige Erkenntnisse zur aktuellen Heimsituation“ seine Forschung vor. Man wisse zwar, dass überwiegend Menschen mit einer Diagnose aus dem schizophrenen Formenkreis in Heimen untergebracht seien, aber dennoch mangele es sowohl in offenen als auch in geschlossenen Unterbringungen erheblich an spezifischen therapeutischen Angeboten. Viele Heimbewohner würden gegen ihren Willen in solchen Einrichtungen leben. Nur selten würden die Möglichkeiten von Eingliederungshilfen in Anspruch genommen. Die geringe Nachfrage nach Psychotherapie sei Ausdruck dafür, dass die u.a. psychotherapeutischen Möglichkeiten einer Verbesserung aus dem Blickfeld der Bewohnenden und Mitarbeitenden verschwunden seien. Dem müsse man mit einer verbesserten Eingliederungshilfe im ambulanten Bereich entgegenwirken mit dem längerfristigen Ziel, geschlossene Heime immer weniger zu benötigen und ganz aufzulösen.

Matthias Rosemann setzte mit seiner Rede einen regionalen Akzent und sprach zur Berliner Situation der freiheitsentziehenden Unterbringung in Heimen“. Unterbringungen in Heimen fänden bisher nur in stationären Pflegeeinrichtungen statt. Obgleich für Einrichtungen der Eingliederungshilfe die Möglichkeit eröffnet worden sei, unter definierten Rahmenbedingungen in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Gesundheit freiheitsentziehenden Unterbringungen durchzuführen, habe noch kein Anbieter in Berlin von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Man habe sich im Land Berlin entschieden, den zahlreich vermuteten Fehlplatzierungen in Pflegeheimen nachzugehen – bisher seien die Auswertung jedoch wenig eindeutig. Es habe vor allem ein Ort gefehlt, an dem diese Entscheidungen diskutiert und Einzelfälle erörtert werden könnten. Deshalb wurde ein Runder Tisch gegründet. ExpertInnen aus verschiedenen Berufsgruppen kämen hier zusammen und berieten sich zu Einzelfällen und den Alternativen zu einer geschlossenen Heimunterbringung. Hinsichtlich der Eingliederungshilfen in Berlin gäbe es zentrale Unterschiede zu anderen Bundesländern, da hier ein größeres Selbstverständnis bestünde, Menschen vorzugsweise in der eigenen Wohnung leben zu lassen. Zum Ende seines Vortrages hin forderte Matthias Rosemann die Zuhörerschaft auf, Ideen zur Erweiterung des ExpertInnen-Kreises am Runden Tisch an ihn heranzutragen.

Die folgende Referentin, Katharina Brinkmann, stellte ihre im Rahmen einer studentischen Arbeitsgruppe an der IPU entstandene Masterarbeit mit dem Titel „Psychotherapie für Menschen mit Psychosen in Heimunterbringung - der Versuch einer Erhebung“ vor. Ein „Versuch“ sei es gewesen, weil die Kommunikationswege zu den Bewohnenden sich als versperrt erwiesen hätten. Obwohl laut der Behandlungsleitlinien für Menschen mit Psychosen eine psychotherapeutische Behandlung indiziert ist, sei in keinem der durch sie befragten Heime ein/e PsychotherapeutIn Teil des Teams gewesen. Ihre Befragung habe ergeben, dass eine Heimunterbringung oft einer Behandlungs-Endstation gleiche und dort untergebrachte Menschen mit Psychosen als „chronifiziert“ oder „austherapiert“ gelten würden. Im Ausblick auf eine Verbesserung des Versorgungsangebotes müsse man zunächst bedürfnisorientierte und niedrigschwellige Angebote stärken und ausbauen.

Die Vortragsreihe des ersten Kongresstages endete mit einer Podiumsdiskussion der Vortragenden, sowie der leitenden Oberärztin der psychiatrischen Universitätsklinik der Charité, PD Dr. Christiane Montag. Unter der Moderation von Dr. Günter Lempa und Prof. Dr. Dorothea von Haebler wurden die Beiträge des Vormittages unter Einbezug der Zuhörer diskutiert.

Nach einer Mittagspause teilten sich die meisten Teilnehmer auf die insgesamt 9 verschiedenen kasuistisch-technischen Seminare auf. Angeleitet wurden die Fallseminare von jeweils zwei erfahrenen TherapeutInnen verschiedener psychotherapeutischer Verfahrensrichtungen. Die KTS bildeten mit insgesamt drei Zeitblöcken von je 1,5 Stunden sowohl den Abschluss des Samstages als auch den Start in den letzten Kongresstag.

Sonntag 14.10.18

Andreas Jung berichtete in seinem Vortrag „Psychotisches Erleben zwischen Obdachlosigkeit und psychiatrisch psychotherapeutischer Behandlung“ eindringlich über seine eigenen Erfahrungen. Er erzählte von seinem Lebensweg, seinen vielfältigen, sehr durchwachsenen Behandlungserfahrungen und seinem Weg in die und aus der Obdachlosigkeit bis hin zum Vorsitzenden des EX-IN-Hessen e.V. und seiner Tätigkeit als Genesungs- und Gesundheitsbegleiter. Seine Psychose habe ihn „an die Grenzen der menschlichen Existenz geführt“ und sei lange ein Ringen um einen geeigneten Platz im Leben gewesen. Als eines der einschneidend positiven Erlebnisse auf seinem Genesungsweg schilderte Jung den Beginn einer Psychotherapie, die mit einem geringen Umfang von zunächst nur 25 min in der Woche auf seine Bedürfnisse zugeschnitten gewesen sei. Diese Flexibilität in der Gestaltung der psychotherapeutischen Rahmenbedingungen sei für ihn wichtig gewesen. Eine weitere wichtige Rolle würde der ärztlichen Versorgung zukommen, da die „Beziehung zum eigenen Körper“ im Falle von Obdachlosigkeit meist sehr vernachlässigt werde und eine „Selbstfürsorge für Körper und Seele“ erst neu gelernt werden müsse. Andreas Jung plädierte für eine gute Selbsthilfekultur, die oft erst die Grundlage schaffe, um eine Psychotherapie mit Gewinn durchführen zu können. Zum Schluss formulierte der Referent einen Appell an das Fachpublikum; „kein Klient sollte in die Obdachlosigkeit entlassen werden“.

Zum Abschluss des Kongresses gab Britta Köppen in ihrem Vortrag „Wenn Wahnsinn Sinn macht – Psychologische Beratung von Frauen mit Psychosen in Wohnungsnot“ einen Einblick in ihre Forschungstätigkeit und praktische Arbeit mit wohnungslosen Frauen in Berlin. Sie stellte die bundesweit erste Studie im Rahmen der niedrigschwelligen, gendersensiblen Wohnungslosenhilfe zur Effektivität von intensiver sozialpädagogischer Beratung sowie Psychologischer Beratung in der Versorgung von Frauen in Wohnungsnot vor. Frau Köppen machte deutlich, wie sehr es sich bei Frauen in Wohnungslosigkeit um eine heterogene Gruppe handelt, die sich in demographischen Variablen und Erfahrungen im Hilfesystem unterscheidet, jedoch weniger in Ihrer Suche nach Wohnraum, Sicherheit, gesundheitlicher Stabilisierung und Erfahrungen von Gewalt. Einer der häufigsten Gründe für unfreiwillige Wohnungslosigkeit von Frauen seien neben psychischen Erkrankungen und Gewalterfahrungen auch Mietschulden bzw. Zwangsräumungen. Häufig berichten Frauen mit Psychoseerfahrung davon, noch keine psychotherapeutischen Leistungen in Anspruch genommen zu haben, was bei genauer Nachfrage oft damit zu tun hatte, dass die Vermittlung nicht erfolgreich war oder das Hilfesystem zu hohe Anforderungen an Funktionalität und Ausdauer hat. Noch immer gibt es keine landesweite Wohnungsnotfallstatistik, sodass alleinig die hohen Zahlen an Abweisungen wegen Platzmangel in Notübernachtungen und Wohnheimen nach ASOG Ausdruck dafür sind, wie prekär die Versorgungslage weiterhin ist. Es gebe zu viele Hürden, die wohnungslose Menschen nehmen müssten, um im geeigneten Hilfesystem anzukommen. Der 2013 gegründete Beirat zur Wohnungslosigkeit von Frauen in Berlin wurde mit dem Ziel gegründet, Institutionen der Wohnungslosenhilfe und Gesundheitsversorgung an einen Tisch zu bekommen und politisches Bewusstsein sowie fachliche Diskussionen anregen und auf Veränderungsprozesse hinführen zu können. Abschließend betonte Frau Köppen, wie sehr Frauen in Wohnheimen von aufsuchender und niedrigschwelliger Arbeit psychologischen Fachpersonals profitieren. Grundsätzlich brauche es mehr „klinischen Mut“ und „kreative Hilfestrategien“, damit das Hilfesystem für Menschen mit psychotischen Krisen zu einer interprofessionellen Kooperation mit nachhaltigem Nutzen gedeihen könne. Am Ende ihres Vortrages lud Frau Köppen KollegInnen aus der Praxis ein, sich die Psychologische Beratung vor Ort anzuschauen und über gemeinsame Kooperationen im Kontakt zu bleiben.

Der Herbstkongress machte auf durch Krankheit geprägte schwere Lebensschicksale und Versorgungslücken aufmerksam, ließ die Teilnehmenden aber auch neue Hilfen und erweiterte Handlungsmöglichkeiten kennenlernen. Erneut stand die Frage nach den wesentlichen Merkmalen von „Psychotherapie“ und ihren spezifischen, im Hinblick auf die spezielle Symptomatik und Lebenssituation des Betroffenen erforderliche Modifizierung im Raum. Dieses Thema soll bei der nächsten DDPP Tagung vom 03. - 05. Mai 2019 im Mittelpunkt stehen.

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