„Wie kommt Psychotherapie in alle Settings? -Vom Akut- bis zum Langzeitbereich“

Tagungsbericht DDPP Kongress vom 03. – 05. Mai, Charité Berlin

Sämtliche Vorträge des Wochenendes, wie die Protokolle der Sitzungen sind als Datei und Audio im internen (Mitglieder-) Bereich zu finden. 

Freitag, 03.05.2019

Den Eröffnungsvortrag „Was wirkt psychotherapeutisch in der stationsäquivalenten Behandlung (StäB)?“ hielt in diesem Jahr Dr. Dr. Stefan Weinmann. StäB sei für einige der „mögliche Auftakt einer kleinen Revolution“, für andere hingegen nur ein „vorübergehender Hype“ - wohin es letztlich führen werde, sei noch unklar. Sofern sich das StäB-Konzept weiterentwickeln würde, so Weinmann, habe es durchaus das Potential, die Behandlung von schwerkranken Menschen bedarfsgerechter zu gestalten und könne ein Stück weit aus dem Dilemma herausführen, Menschen „in einem künstlichen Umfeld“ stabilisieren zu wollen. Im Krankenhaus hätten Behandelnde kaum Gelegenheit den Lebenskontext des/der PatientInnen kennenzulernen. Als mögliche Wirkfaktoren erörterte Weinmann die verbesserte Verfügbarkeit der Professionellen, den Einbezug des sozialen Netzwerkes vor Ort, Berücksichtigung medizinischer und sozialer Angelegenheiten sowie praktische Hilfe im Lebensalltag, wobei die Multidisziplinarität weiter in den Vordergrund rücke.

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden die von Weinmann bereits angesprochenen, unterschiedlichen Standpunkte kontrovers diskutiert. Kritik und Skepsis gegenüber dem StäB-Konzept in Bezug auf Finanzierbarkeit und Umsetzbarkeit (tägliche Visiten u.a.) wurden geäußert, welchem die Meinung anderer gegenüberstand, dass man diese Versorgungschance ergreifen und mitgestalten müsse.

Im Anschluss trafen sich drei Gesprächsforen I) Vernetzung, II) Psychose und Trauma und III) Aus-, Fort- und Weiterbildung. Die Gesprächsforen bieten eine gute Gelegenheit, eigene Mitgestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Dachverbands zu nutzen, Anliegen zu DDPP Kernthemen vorstandsnah zu diskutieren und dabei andere aktive Mitglieder kennen zu lernen.

Der erste Kongresstag endete mit dem Plenum der Gesprächsforen und der anschließenden Mitgliederversammlung mit der Neuwahl des Vorstands. Die drei Vorstandsmitglieder Prof. Dr. Dorothea von Haebler, Prof. Dr. Stefan Klingberg und Roswitha Hurtz wurden im Amt bestätigt, wie auch der Beisitzende Prof. Dr. Andreas Bechdolf. Der zweite Beisitzende, Dr. Hans Schulze-Jena verließ leider den Vorstand auf eigenen Wunsch. An seine Stelle wurde Prof. Dr. Thomas Bock vorgeschlagen und einstimmig gewählt.

Samstag, 04.05.19

Am Samstag begann Dipl.-Psych. Anja Ulrich mit einem Vortrag „Wünsche von Betroffenen an die Psychotherapie in akuten und chronischen Krisen“. Frau Ulrich hatte ihre KlientInnen zu Wünschen im Zusammenhang mit vergangenen, stationären Aufenthalten befragt. Die daraus gewonnenen Zitate Betroffener waren so nachvollziehbar wie nachdrücklich. Ein zentraler Aspekt schien der Wunsch nach Behandlerkontinuität, dabei nach einem flexiblen Behandlungssetting sowie einer bedürfnisangepassten psychotherapeutischen Arbeit. Die von Frau Ulrich aufgezeigte psychotherapeutische Arbeit mit Psychoseerkrankten solle zuallererst„einen wohlwollenden neugierigen inneren Raum anbieten und damit helfen, Unaussprechbares aussprechbar zu machen und Unverstehbares verstehbar zu machen." Die wesentliche Aufgabe einer Behandlung sei es, „gemeinsam am Schicksal der Betroffenen zu wachsen“. Um dies zu ermöglichen, müsse mehr Psychotherapie, vor allem auch in Langzeitbehandlungen implementiert werden. Dieser Vortrag schloss sich den Diskussionen des Vortages an: Psychotherapie in der Akutpsychiatrie müsse umgedacht werden, da die psychiatrische Institution, so Ulrich, höchstens den „zweitbesten Ort“ für die Behandlung psychischer Krisen darstelle; und: Ressourcenorientierung sei notwendig und würde zu einer anderen Wahrnehmung von Langzeiterkrankten führen.

Die beiden folgenden Vorträge stellten zwei Psychotherapieverfahren gegenüber: Zu den „Möglichkeiten aus kognitiv-verhaltenstherapeutischer Perspektive in der stationären Behandlung“ sprach Prof. Dr. Stefan Klingberg, leitender Psychologe der Tübinger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Anhand von eingängigen Metaphern, anschaulichen Diagrammen und Fallbeispielen aus der Praxis stellte er das methodische Vorgehen der KVT mit dem zugrundeliegenden Phasenmodell, den Prinzipien der Beziehungsgestaltung und therapeutischen Haltung vor. Eine zentrale Botschaft dabei war, ein starres Verhaften an den Methoden zu verhindern und sich eine Flexibilität im Einsatz der therapeutischen Elemente zu bewahren. – Nur so könne man auf die individuell unterschiedlichen Ziele und Wünsche der PatientInnen eingehen. Im zweiten Teil des Vortrags stellte Klingberg anhand einer Fallvignette dar, wie sich diese theoretischen Ausführungen in die Praxis übersetzen lassen. Auch in diesem Zusammenhang wurde StäB als passende Ergänzung zum stationären Setting genannt. Die Möglichkeit zum Home Treatment könne erweiterte behandlungstechnische Perspektiven eröffnen. Manche Dinge ließen sich unter Umständen besser im „eigenen Lebensbereich der Betroffenen“ besprechen, was er am Beispiel der Behandlung eines Menschen mit Verfolgungswahn, der sich auf die eigene Wohnung des Betroffenen bezog, eindrücklich darstellen konnte.

Die psychodynamische Perspektive wurde von Prof. Dr. Dorothea von Haebler, Dr. Günter Lempa und PD Dr. Christiane Montag gemeinsamen vorgetragen „Psychodynamische Psychotherapie im stationären Akutsetting“. Theorie und Methode der psychodynamischen Psychotherapie für PatientInnen mit Schizophrenien wurden anhand von anschaulichen Beispielen aus dem Alltag einer akutpsychiatrischen Station gezeigt. Als spezifisches und zentrales Instrument dieses psychodynamischen Verfahrens wurde die Arbeit mit der Gegenübertragung vorgestellt. Von Haebler kam überdies auf die Relevanz der Gruppenpsychotherapie im stationären, wie auch ambulanten Setting zu sprechen und betonte, dass die Dauer der Gruppe wesentlich sei, da sie „langandauernde Beziehungen zum Patienten auch über den stationären Aufenthalt hinaus“ ermögliche. Montag beschrieb die spezifischen Werkzeuge des „Werkzeugkastens“, welche sie ebenfalls mit Beispielen aus dem Stationsalltag veranschaulichte und welche auch hier setting-übergreifend Anwendung finden. Lempa beschrieb sehr klar die Wichtigkeit von „Reflexionsräumen“, im Sinne von regelmäßigen Fallsupervisionen. Ein Behandlungsteam könne nur dann sinnvoll arbeiten, „wenn es eine Wahrnehmung und ein Konzept der psychologischen Probleme ihrer Patienten besitzt“, denn die Problematik der PatientInnen – das Dilemma – bilde sich im Team ab.

Sonntag, 05.05.19

„Ich möchte eine Geschichte erzählen; ein Märchen, was keines ist...“. So begann Lic. phil. Barbara Auer ihren Erfahrungsbericht mit dem Titel „30 Jahre Psychotherapie undpsychoanalytische Sozialarbeit mit psychischschwer kranken Erwachsenen in einer Langzeiteinrichtung. Bilanz und Ausblick.“ Die Umwandlung einer ehemaligen schweizerischen Arbeitserziehungsanstalt hin zu einer Langzeiteinrichtung mit milieutherapeutischem Wohnkonzept klang zunächst tatsächlich wie die Geschichte einer märchenhaften Verwandlung. Mit viel Hingabe, Herz und Humor gab Auer einen Einblick in ihre vielseitigen Erfahrungen und langjährige Auf- und Ausbauarbeit als Leiterin eines offen geführten Wohnheims in Herisau. "Gegen Vereinzelung bieten wir Gemeinschaft an" - die Gruppe sei ein ganz wesentlicher Faktor und Gemeinschaftsbildung ein hoher Wert der Arbeit mit psychisch Schwerstkranken ausgerichtet am psychoanalytischen Denken und der psychoanalytischen Sozialarbeit. Die meisten Bewohner kämen nach etlichen Krankenhausaufenthalten, mit vielen Medikamenten und vielen Diagnosen in die Einrichtung. Scham-, Schuldgefühle und Selbstverachtung würden häufig eine große Rolle spielen. In akuten Krisen, aber auch, wenn es den Bewohnern bessergehe, bräuchten diese ein Gegenüber, das Antworten gibt, sich interessiert und sich beschäftigt. „Wir geben den MenschenRaum, Zeitund Präsenzund arbeiten mit Beziehung“ - Außerdem lege man Wert auf regelmäßige psychotherapeutische und psychiatrische Behandlungen: Eine Besserung sei durchaus zu erreichen, mögliche Behandlungsziele seien zum Beispiel weniger akute Krisen, weniger Medikamente, mehr Gemeinschaftsfähigkeit, Entwicklung von Vertrauen, weniger Krankenhausaufenthalte, mehr Interessen und Tätigkeiten. Am Ende des Vortrages kamen dann die zunehmenden Erschwernisse durch die Gesundheitspolitik, welche eine Fokusverschiebung der Arbeit nach sich ziehe und die Langzeitversorgung von psychisch Schwerkranken bedrohe. Die Diskussion war wie zum Auftakt des Kongresses in zwei Lager geteilt: die KritikerInnen der aktuellen Situation und die, die den Weg suchen, der es unter den aktuellen Umständen möglich macht, eine psychotherapeutische Behandlung von Menschen mit Psychosen vom Akut- bis zum Langzeitbereich sicherzustellen. Der DDPP versteht genau das als eine Kernaufgabe.

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