Raum 4070

Deutschland 2006, 87 Min., DVD

Regie: Jana Kalms, Torsten Striegnitz

Diese Nummer wird man sich merken müssen, am besten fangen Sie schon mal an: 4070. Wo das Unerhörte einen Platz hat. Die Lokalität ist etwas stickig, vor allem im Sommer, und das Hintergrundrauschen der Straße wird rasch lästig. Die braunen Resopaltische stehen im großen Viereck, wie in jedem anderen Seminarraum in jeder anderen Fachhochschule.

Es kommen einige Ältere zuerst, die haben sich wohl im Gebäude vertan. Aber nein, sie begrüßen sich, andere kommen dazu, Mittelalte, dann einige, die könnten ja doch Studenten sein. Eine eigenartige Mischung. Dicht gedrängt sitzen schließlich zwischen 40 und 80 Menschen an der Wand und in zweiter Reihe vor ihnen die Teilnehmer, die später etwas sagen werden.

Peter Stolz, Hochschullehrer an der Fachhochschule und Psychiater, eröffnet die merk-würdige Veranstaltung, spricht von unerhörten Zuständen, von der Psychose. "Wir Psychiater sind uns nicht sicher, ob es überhaupt eine Erkrankung ist." Schweigen. Dann meldet sich doch einer und beschreibt, wie es war, psychotisch zu sein. Ein älterer Herr, Vater offensichtlich, schildert aus seiner Sicht und resümiert: ein abnormales Verhalten eines normalen Menschen, zweifellos. Eine Mutter wiederum wähnt sich in der falschen Veranstaltung und meint, natürlich sei die Psychose ihres Sohnes eine Krankheit. Sätze werden im Raum 4070 fallen gelassen, unterschiedliche Meinungen bleiben stehen, werden von P. Stolz nur selten kommentiert, gebündelt, fokussiert. Die Unterhaltung bleibt dicht, die Stimmung im Raum 4070 intensiv, angespannt kämpferisch, manchmal verzweifelt.

Von der ungeheuren Energie, die im Psychoseseminar entstanden sei, berichtet die Teilnehmerin und Filmemacherin Jana Kalms, als beim Filmfestival "Ausnahme|Zustand" ihr Film, "Raum 4070", in Potsdam gezeigt wird. Kann man das Psychoseseminar filmen? Zweifellos. Die Kamera draufhalten, das ist kein Kunststück. Kann man ein Psychoseseminar verfilmen wie einen Roman?

Kann man die Intensität visualisieren, die entsteht, wenn Angehörige und Psychose-Erfahrene umeinander ringen? Man kann, Jana Kalms und Torsten Striegnitz haben es gemacht. Die Kamera hört geduldig zu, kommt manchmal beängstigend nah, blickt in die Gesichter und Poren und Falten. In den Pausen ändert sich die Perspektive: Sie beobachtet von der Seite, verfolgt beiläufig durch eine Tür die kleinen Gespräche, Pulle und Leberwurststulle, ordentlich eingepackt.

Peter Stolz eröffnet jedes Seminar mit einer Betrachtung zum Thema Psychose. Sie macht die einen rücksichtslos, die anderen verzweifelt. Es wird erzählt und offenbart. Der Vater berichtet, dass sein Sohn in der Psychose sich gottähnlich fühle, ganz rücksichtslos werde, sich nur noch um sich selbst drehe. Ein junger Mann, es ist tatsächlich eben jener Sohn, bestätigt: Dann fühle er sich total gut, aber später eben nicht mehr. Der Vater neigt fatalistisch den Kopf und verweigert den Blick. “Das ist das Leben”, meint sein Sohn.

Andreas berichtet, dass er nun keine Medikamente mehr benötige. Er erkenne soeben, heute, dass er seine Psychose von nun an beherrschen könne. Er berichtet vom Vorabend, als er unterwegs war, nicht schlief, eine Begegnung mit einem Computer-Freak paranoid verarbeitete und dies nun erkennt. Rechtzeitig. Die Angehörigen schauen besorgt: Medikamente absetzen ... sie schütteln den Kopf.

In einem späteren Seminar, man ahnt die verstrichenen Monate, liest Andreas einen Brief seiner Schwester vor, weinend. Sie beschuldigt ihn, sich hinter seiner Krankheit zu verstecken, die Eltern zu belasten. “Du bist nicht mehr mein Bruder!” Der Vater, ebenfalls im Seminar, erläutert die Situation. Eine andere junge Frau scheint den Brief der Schwester zu verstehen – so gehe es ihr auch, manchmal, mit ihrem psychosekranken Freund, der neben ihr sitzt. So werden Fäden gesponnen, Wunden aufgerissen und verbunden, je nachdem.

Dann ist Andreas tot, wieder haben sich die Bärte und Frisuren einiger Teilnehmer verändert, Monate sind vergangen, er hat sich aus dem fünften Stock gestürzt. Der Vater sitzt ganz steif und berichtet und bedankt sich, das Seminar nimmt Abschied.

Der Film, über drei Jahre hinweg jeweils in den dunklen Monaten gedreht, ist klug komponiert und ganz wunderbar geschnitten. Nicht auszudenken, wie viel Zeit, Arbeit, Konzept und Gepussel in dieses elegante Gebilde gesteckt wurde und wie viel unter den Schneidetisch, den es vermutlich nicht mehr gibt, fallen musste. Ein Dokudrama mit atemberaubenden Sequenzen. Psychose bleibt ihm das große Rätsel – P. Stolz hält die Schublade offen, gerade mal das Etikett des Unerhörten ist zu erkennen. Er würdigt, respektiert und provoziert; manchmal – die Filmemacher haben es so gewollt – wird er auf seine harten Sätze reduziert. So kommentiert er Andreas‘ Selbsttötung als Befreiung, auch wenn es am Ende Verzweiflung ist, und man erschrickt ein wenig. Natürlich hat er weitere Aspekte zu bedenken gegeben und auf die verantwortliche Rolle des Profis hingewiesen – der Film verschweigt diese Seite. So produziert “Raum 4070” auch Widerstand und Abwehr, noch Stunden nach dem Abspann.

Die Straßenbahnen fahren an der Fachhochschule vorbei. Einer kommt mit dem Kopf gegen den Lichtschalter, und es dauert eine Weile, bis die Deckenleuchten endlich wieder vorschriftsmäßig geschaltet sind. Da ist man mitten im banalen Leben und der Film ganz abrupt zu Ende.

Auszubildende jeder Psychose-Profession, ach was, die ganze Gemeinde ist eingeladen in einen schmucklosen, stickigen Raum in der Fachhochschule in Potsdam. Ach ja, die Nummer ist 4070 – bitte merken.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de. Mit freundlicher Genehmigung.