River

Miniserie, Großbritannien 2015, 6 Folgen mit je ca. 55 Min. Nur per Streaming auf netflix.com

Regie: Richard Laxton, Tim Fywell, Jessica Hobbs

Darsteller: Stellan Skarsgård, Nicola Walker, Adeel Akhtar

Eine sogenannte Mini-Serie, die bei dem Streaming-Portal Netflix zu sehen ist, hat es auf Anhieb in die auserwählte Runde der „Psycho-Filme“ auf dieser Webseite geschafft. Das entscheidende Detail der Handlung: Detective John River nimmt an einer Selbsthilfegruppe des „Netzwerk Stimmenhören“ teil. Gut, es ist eine Gruppe der englischen Organisation „Hearing Voices“, in den die behandelnde Psychotherapeutin ihren Patienten Detective River schickt, und die sie selbst moderiert. Und die Teilnahme ist nicht erfolgreich. Beim zweiten Besuch verlässt River den Raum, nachdem er jedes einzelne Mitglied der Gruppe verhöhnt hat. Aber es ist die seltene Gelegenheit zu erfahrenn, wie sich Filmschaffende eine Selbsthilfegruppe für Stimmenhörer vorstellen.

Die Mini-Serie besteht aus sechs Folgen. Allein die brillante Darstellung des schwedischen Darstellers Stellan Skarsgård als „River“ und die düstere Atmosphäre der Großstadt macht die Miniserie zu einem herausragenden Highlight. Wenig überzeugt hat mich hingegen die Umsetzung des psychotischen Erlebens. Ganz im Stile von „A beautiful mind“ sieht der Zuschauer Menschen so konkret und real, dass er sich geneppt fühlt, wenn sich herausstellt, dass es die „Manifestationen von Ermordeten“ sind, wie der Detective selbst erläutert. Zunächst ist es vor allem seine Kollegin Jackie, die als Halluzination in der Eingangsszene neben ihm sitzt und zu einem Oldie aus dem Autoradio singt und wippt. Der steife River lächelt dazu amüsiert. Doch Jackie wurde vor drei Wochen ermordet, und River ermittelt in genau dieser Angelegenheit. Einen Verdächtigen hetzt er zu Tode, und nun manifestiert sich auch dieser, und kommentiert Rivers Handeln. Oder spricht er aus, was River denkt? River hört Stimmen, seit er 14 ist, so erfährt die nette Polizeipsychologin, bei der er therapeutische Gespräche führen muss. Denn auch seine Chefs wissen, dass er zwar ein genialer Ermittler aber auch psychisch labil ist und sie drohen mit Suspendierung. Doch in ihrem Gutachten kommt die Psychologin zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass er dienstfähig ist. Sie rät ihm nicht nur zur Selbsthilfegruppe, sondern vor allem dazu, endlich zu akzeptieren, dass er seine Kollegin Jackie geliebt hat. Sie werde ihm so lange erscheinen – erklärt sie - bis er dieses Gefühl akzeptiert und integriert habe. Dies ist die einzige Stelle, an der die hoch geachtete Drehbuchautorin Abi Morgan die professionelle Psychotherapie der Psychosen immerhin streift. Doch davon abgesehen ist dies eine beeindruckende Serie in der von Armen und Migranten bevölkerten Großstadt London – nicht mehr und nicht weniger. Der Zuschauer weiß natürlich von Anfang an, dass der spröde Beamte seine Kollegin liebt. Denn er imaginiert sie nicht nur beim Autofahren an seiner Seite, sondern wirbelt mit ihr zu dem Disco-Hit „Oh I love to love“ (1976) über die Straße. Es ist eine hinreißende, anrührende Tanzeinlage. „Oh, ich liebe es zu lieben“, singt Tina Charles, „aber mein Baby liebt es zu tanzen“. Der Detektiv wiegt glücklich lächelnd Jackie in seinen Armen. Doch die sind leer, und die Autos hupen, als er auf der Straße kniet.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.