Schnupfen im Kopf

Bundesrepublik Deutschland 2010, 92 Minuten

Regie: Gamma Bak

Dieser mutige aber auch sperrige Film hatte seine Premiere in der Sektion „Junges Forum“ bei den 60. Internationalen Filmfestspielen in Berlin. Die Vorstellungen waren durchweg ausverkauft, doch das Presse-Echo blieb dürftig. Die professionelle Filmemacherin Gamma Bak präsentiert einen Film über ihre eigene psychische Erkrankung. Bereits dieses Unterfangen erscheint brisant. Das Outing in Selbsthilfegruppen, auf Tagungen oder in der Literatur folgt inzwischen den Spuren der mutigen Dorothea Buck. Mit dem Outing im eigenen Film wagt sich Gamma Bak – nach meinem Wissensstand – in unbekanntes Gelände. Die Risiken und Nebenwirkungen sind enorm. In welcher Form sollen die eigenen Krisen dargestellt werden? In welchen Zeugnissen findet sich das Leben – nicht nur das psychotische - einer ungeheuer kreativen jungen Frau? Gamma Bak hat sich für die Form datierter Video-Briefe von Freunden und Bekannten entschieden, die sie mit Aufnahmen seit 1993 über und von sich selbst kombiniert. Da sie zweisprachig aufgewachsen ist wechseln nicht nur die Perspektiven, sondern auch die Sprachen, vor allem englisch und deutsch. Sie springt zwischen den Jahren; ab und zu geben Texttafeln Auskunft über den weiteren Verlauf, die Krisen, die Diagnosen, die Behandlung. Dazwischen montierte Passagen mit rhythmisch unerlegten Nahaufnahmen und Überblendungen geben dem Film Struktur, und dem Zuschauer kleine Pausen.

Allmählich fügen sich die Bruchstücke zu einer rudimentären Autobiografie. Die Eltern sind aus Ungarn geflohen; Halbgeschwister und eine Stiefmutter tauchen auf. Die leibliche Mutter und heimliche Heldin des Films tritt nicht in Erscheinung. Gamma Bak wurde 1965 in Marburg geboren, besuchte später die Highschool in Vancouver und studierte dort Film. Sie kehrt nach Berlin zurück und hat mit 30 Jahren ihren ersten „Nervenzusammenbruch“ und geht in die Klinik; zunächst wird eine paranoid-halluzinatorische, später eine schizoaffektive Psychose diagnostiziert. Gamma Bak gerät immer wieder in Krisen, geht meist freiwillig in die inzwischen vertraute Psychiatrische Abteilung. Sie lässt sich medikamentös und psychotherapeutisch behandeln, über viele Jahre hinweg. Sie profitiert von einer langjährigen Gruppenpsychotherapie. Sie übernimmt die Verantwortung für ihre Krisen und trägt schwer daran. Sie beobachtet sich selbst argwöhnisch, studiert ihre Frühwarnzeichen. Sie leidet unter den Nebenwirkungen der Neuroleptika, insbesondere der Gewichtszunahme; als Zuschauer verfolgt man angerührt die Verwandlung vom grazilen hübschen Mädchen in eine träge Frau. Eine Sequenz stammt aus den zwei Tagen eines kurzen Absetzversuchs, den sie voller Panik über ihre Empfindlichkeit wieder abbricht. Besonders eindrucksvoll reflektiert ein Kameramann und früherer Lebenspartner die eigene Haltung zu der Störung, zum psychiatrischen System und zu seiner Freundin: Wie lange man versuche, das Problem selbst zu bewältigen, innerhalb der Beziehung, und wie man damit hineingezogen werde und unmerklich den Boden unter den Füssen verliere. Der Film endet mit einem sehr ungewöhnlichen Abspann. Alle Medikamente, die Gamma Bak im Laufe ihrer Karriere als Patientin erhalten hat, sind aufgeführt – eine beachtliche Liste. Aber auch alle Behandler, Psychiater und Psychotherapeutinnen sind aufgeführt; so outet sich die Filmemacherin nicht nur selbst, sondern auch alle Helfer und Täter, je nach Blickwinkel.

In den Presseinformationen schreibt Gamma Bak: „Für die konkrete Zielgruppe der Angehörigen, Betroffenen, Therapeuten und Ärzte ist dieser Film ungemein wichtig und wird zu sehr engagierten, kontroversen Diskussionen über meine Position des „compliant“ Patienten führen“. Dass dem so ist war in Anzeichen bereits bei den Diskussionen nach der Vorstellung bei der Berlinale zu erahnen. Gamma Bak gab sehr souverän Auskunft: Die letzte Krise habe sie vor zwei Jahren gehabt, ja, sie nehme Medikamente, zur Zeit Zeldox und Lithium, und das Krankenhaus sei ein guter Ort für Menschen wie sie in Krisen.

Gamma Bak ist eine äußerst anregende Illustration der aktuellen Konzepte von Empowerment und Recovery gelungen, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Akzeptanz professioneller Unterstützung. Doch für manche Zuschauer ist die Latte hoch, vielleicht allzu hoch gehängt. Man muss sich schon einlassen können auf die experimentelle Filmästhetik, und bereit und fähig dazu sein, die vielen Bruchstücke selbst zusammenzusetzen.

„Schnupfen im Kopf“ war nach der Kinotour zu sehen auf 3Sat, und ist als DVD und Stream erhältlich.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht 2010 in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.