Shock, Head, Soul

Niederlande 2011, 86 Minuten, Sprache: Englisch

Regie: Simon Pummell

Darsteller: Hugo Koolschijn, Anniek Pheifer

„Shock Head Soul“ , der Spielfilm des niederländischen Regisseur Simon Pummell entstand bereits 2011, hat es nie in unsere Kinos geschafft und ist inzwischen als DVD (englisch, ohne Untertitel) erhältlich. Grundlage im weitesten Sinne sind die „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ von Daniel Paul Schreber, jenes bis heute unübertroffene Selbstzeugnis des schizophrenen Senatspräsidenten, des Sohnes von Daniel Gottlieb Moritz Schreber, Namensgeber der Schrebergärten und Verfassers der „Ärztlichen Zimmergymnastik“.

Der Film ist opulent ausgestattet; er arbeitet mit unterschiedlichen Einstellungen, Objektiven und Formaten. Der Regisseur Simon Pummell, Multimediakünstler und Harvardprofessor, muss unbedingt zeigen, was er alles kann. Er zeigt zunächst, chronologisch korrekt aber sehr reduziert umgesetzt einige fiktive Szenen aus Schrebers Leben. Der hagere Mann (Hugo Koolschijn) streichelt zärtlich seine schöne Frau, die eine Fehlgeburt erlitten hat. Später sitzt er an seinem Schreibtisch, über ihm schwebt eine Kugel mit den Lettern des Alphabets; während er auf einer Schreibmaschine seine Aufzeichnungen tippt bewegen sich diese Buchstaben. Diese Kugel taucht immer wieder auf und ist ein Beispiel dafür, wie kunstvoll aber auch umständlich Pummell versucht, Schrebers Gedanken zu visualisieren; die zentrale Wahnvorstellung Schrebers – er sei von Gott auserwählt und verwandle sich in eine Frau – findet allerdings wenig Beachtung. Es folgen die vielen Aufenthalte in der Psychiatrie, wo Schreber in Dresden von dem Psychiater Flechsig behandelt wird. In einer qualvollen Szene wird er von einem Krankenpfleger hartnäckig mit Brei gefüttert, den er immer wieder ausspuckt. Kurze Sequenzen erinnern an ähnliche Torturen in Schrebers Kindheit, in denen er durch den sadistischen Vater mit eigenwilligen Apparaturen zum Aufrechtsitzen gezwungen wurde.

Schon die geschilderten Szenen halten den Zuschauer auf Abstand; es kommt zu keiner Identifikation mit Schreber, auch nicht zu Empathie oder Mitleid. Verstärkt wird dies durch ein weiteres Stilelement: In dem Gerichtssaal, in dem Schreber um Aufhebung seiner Unterbringung kämpft sitzen in weiteren Szenen echte Psychiater und Psychoanalytiker des 21. Jahrhunderts. Sie sitzen in historischer Kulisse, in historischer Kleidung und erklären dem Zuschauer aus zeitgenössischer und heutiger Sicht die Diagnose Schizophrenie, die unterschiedlichen Theorien zu Genese und Behandlung im Lauf der Psychiatriegeschichte. Kurzfristig setzt der Regisseur sogar Anniek Pheifer, die Schrebers Ehefrau Sabine verkörpert, in den Gerichtssaal und lässt sie von den Psychiatern befragen. Ob sich der Regisseur Sigmund Freud zum Vorbild genommen hat, der ja ebenfalls Schreber anhand seiner Aufzeichnungen analysierte, ohne ihn jemals in Persona explorieren zu können?

So springt der Film und mit ihm die Aufmerksamkeit des Zuschauers durch Realität und Wahn, durch insgesamt drei verschiedene Zeitebenen, die dazu noch kreuz und quer mit einander verwoben sind. Umgesetzt ist dies artifiziell, meisterhaft, brillant, und treibt doch dieser aufregenden Geschichte den letzten Funken Leben aus. Oder, wie Beatrice Behn auf kinozeit.de meint: „Was dem Film neben aller Technisierung und Analyse letztendlich fehlt ist eine Spur Menschlichkeit“. http://www.shockheadsoul.com/Nichtsdestotrotz sei der Film vor allem allen historisch Interessierten ans Herz bzw. zu ihren Downloads gelegt. Und wer noch einmal bei Schreber im Original stöbern möchte: Am Ende des Wikipedia-Eintrags findet sich der gesamte Text (mit Ausnahme des auch im Buch gesperrten 3. Kapitels) in ausnehmend gut konsumierbarer Formatierung, schnurstracks zum Runterladen.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.