Silver Linings – Wenn du mir, dann ich dir

USA 2012, 120 Minuten

Regie: David O. Russell

Darsteller: Bradley Cooper, Robert De Niro, Jennifer Lawrence

Brav schiebt Pat Solano, ein kräftiger junger Mann, seine Medikamente in den Mund, und spuckt sie bei der nächsten Gelegenheit heimlich wieder aus. Damit ist der Schauplatz politisch korrekt präsentiert: Pat befindet sich in einer Psychiatrischen Klinik.

Heute wird er nur deshalb entlassen, weil seine Mutter eine Erklärung für ihn unterschrieben hat. Später ist zu erfahren, dass bei Pat eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Zur Einweisung kam es, weil er seine Frau Nikki mit einem Geschichtslehrer unter der Dusche erwischt hat, und gewalttätig reagierte. Nun war er 8 Monate in der „Anstalt“ und hat einige Auflagen: Er darf sich Nikki nicht nähern, keinerlei Kontakt mit ihr aufnehmen und kein Telefon besitzen. Täglich muss er sich bei seinem Psychiater in der Institutsambulanz melden. Weil er auch sein Haus und seinen Job verloren hat muss er bei seinen Eltern unterschlüpfen. Er kehrt zurück in sein Kinderzimmer unterm Dach und hat nur einen Gedanken: „Wie komme ich wieder mit Nikki zusammen?“ Sein Vater Pat senior, umwerfend verkörpert von Robert de Niro in seiner ersten besten Rolle seit Jahren, dominiert das Familienleben mit ominösen Wettgeschäften in seinem Wohnzimmer; Nachbarn mit Umschlägen kommen und gehen. Er ist ein glühender Anhänger der Philadelphia Eagles; leider hat er wegen eines kleinen Durchbruchs ein Stadionverbot. Er leidet unter diversen Obsessionen und Zwängen. Wehe, wenn die Fernbedienungen der diversen Geräte nicht in exakter Position vor dem Fernseher liegen. Mutter Solano versucht die Wogen mit Pasta und Krabbensnacks zu glätten.

Pat ist unruhig und emotional immer auf der Kippe. Nach seinen täglichen Terminen bei dem angenehm pragmatischen Psychiater der Ambulanz joggt er durch die Straßen des typischen Vorortviertels; die junge hübsche Tiffany kreuzt immer häufiger seinen Weg. Verfolgt sie ihn? Sie ist ihm ein paar Nummern zu abartig, denn sie hat auf den plötzlichen Tod ihres Mannes, eines Polizisten, völlig pervers reagiert: Sie hat mit der gesamten Belegschaft ihrer kleinen Firma geschlafen. Nun ist sie arbeitslos und joggt hinter Pat durch die Gegend und trainiert für einen lokalen Tanzwettbewerb. Der Film beschränkt sich weitgehend auf diese Szenerie: Das Wohnzimmer mit den Fernbedienungen, die Straßen und Häuser des Viertels mit den besorgten Gesichtern der Eltern und Großeltern an den Fenstern. Über weite Strecken ist „Silver Linings“ ein Angehörigenfilm. Sie beobachten und überwachen ihre Lieben, sie beruhigen und ermahnen, sie belauern argwöhnisch jede affektive Schwankung und wir als Zuschauer zittern mit ihnen.

Pat überredet Tiffany, seiner Frau Nikki einen Brief zu überbringen. Tiffany stellt Bedingungen: Hilfst du mir, dann helfe ich dir. Pat soll mit ihr gemeinsam beim Tanzwettbewerb auftreten. Wiederwillig macht er mit. Gemeinsam üben sie ihre Schrittfolgen und Drehungen ein. Was könnte besser signalisieren, dass Pat sich bemüht als diese Demonstration von Disziplin, Durchhaltevermögen und sozialer Anpassung. So hat alles seinen Sinn, denn „every cloud has a silver shining“.

Vater Pat beobachtet, dass die Eagles immer dann gewinnen, wenn sein Sohn involviert ist. Also setzt er alles auf eine Karte und zwar auf ein ganz bestimmtes Spiel der Eagles. Wie nun allmählich beides um Pat herum und in einander verwoben wird – das entscheidende Spiel der Eagles und Tiffanys Tanzwettbewerb – das ist schon clever ausgedacht und inszeniert. So bleibt es in jeder Hinsicht aufregend und amüsant bis zum erhofften Happy End.

Wer möchte, der kann den Film interpretieren und analysieren als Illustration moderner sozialer Netzwerkarbeit, oder noch besser als Fallbeispiel einer gemeindeintegrierten, ressourcen- und lebensweltorientierten Psychiatrie. Man kann es aber auch einfach bleiben lassen und gemeinsam mit einem hervorragenden, oscarverdächtigen Ensemble ein ganz klein wenig manisch dekompensieren.

Ilse Eichenbrenner

Veröffentlicht in „Soziale Psychiatrie“ und www.psychiatrie.de. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.