Spider

Kanada/UK 2002 98 Min.

Regie: David Cronenberg

Buch: Patrick McGrath

Darsteller: Ralph Fiennes, Lynn Redgrave, Miranda Richardson, Gabriel Byrne

Nach einem langen Aufenthalt in einer Anstalt kehrt Dennis Cleg (Ralph Fiennes) in das London der siebziger Jahre London. Er bezieht ein Zimmer in einer düsteren Pension, einem Übergangsheim für Anstaltspatienten. Beim Frühstück im Gemeinschaftsraum entdeckt die strenge Wirtin (Lynn Redgrave) sofort, dass er vier Hemden über einander trägt. Ein freundlicher älterer Mitbewohner meint zu ihr: „Kleider machen Leute. Und je weniger ein Mann darstellt, desto mehr Kleider braucht er.“

Ralph Clegg versucht ein Puzzle zusammenzulegen, er brabbelt vor sich hin, sammelt Schnüre und Abfälle, kritzelt in einer Geheimschrift in eine Kladde, die er sorgsam unter dem Linoleum seines Zimmers versteckt.

Cleg ist misstrauisch, ängstlich, paranoid. Das Gaswerk gegenüber macht ihm Angst; er schnürt sich mehrere Lagen Zeitungspapier unter seine Hemden. Er erkundet die Umgebung der Pension, in der er aufgewachsen ist.

Der junge Cleg, von seiner Mutter zärtlich „Spider“ genannt, taucht auf. Doch im Bild bleibt auch der erwachsene Cleg, als Betrachter seiner eigenen Kindheit. Er schaut durch das Fenster seines Elternhauses, und sieht am Küchentisch sich selbst, den kleinen blassen Spider sitzen. Seine Mutter, eine hübsche und liebevolle Frau (Miranda Richardson) erzählt ihm von ihrem Schulweg auf dem Land, und den großen Musselin-Fetzen in den Bäumen, die in Wirklichkeit Spinnennetze im Morgentau waren. Und wenn die Spinnen ihre Jungen gefüttert haben, vertrocknen sie, und ein seidiger Kokon bleibt zurück.

In kunstvoll ineinander gefügten Szenen folgt der Zuschauer Cleg in die Pension mit ihrem rigiden Tagesablauf, zu seinen kryptischen Notizen, zu seinen Spaziergängen zurück in die Kindheit. Der erwachsene Cleg schaut durch das Fenster in die Wohnung seiner Kindheit, und beobachtet den kleinen Spider; leise murmelt er vor sich hin, was Spider sagt oder sagen wird. Spider holt den Vater aus dem Pub, er sieht der Mutter zu, wie sie sich schminkt. Der Vater (Gabriel Byrne), ein schöner und schweigsamer Klempner beginnt eine Affäre mit einer vulgären Blondine. Sie treffen sich zunächst im Pub, später im Schuppen des Schrebergartens, Spiders Mutter entdeckt die beiden. Der Vater erschlägt seine Frau mit dem Spaten, zusammen mit der Geliebten verscharrt er die Leiche unter den Kartoffelpflanzen. Die Geliebte nimmt den Platz der Mutter ein, Spider beschließt, sie zu töten. Mit einer raffinierten Konstruktion aus Schnüren und Seilen öffnet er den Gashahn von seinem Zimmer aus.

Die nun vollends verwobene Handlung endet mit dem Versuch Clegs, die verhasste Pensionswirtin Mrs. Wilkinson im Schlaf zu töten. Die letzte Einstellung zeigt wieder den kleinen Spider im Polizeiwagen, auf dem Weg in die Anstalt.

Der Zuschauer ist zunächst nur mäßig irritiert: Wird die verhasste Geliebte des Vaters, die Schlampe, von der gleichen Schauspielerin dargestellt wie die Mutter? Oder hat man sich getäuscht? Als am Ende auch die Pensionswirtin Mrs. Wilkinson die Gesichtszüge der Schlampe und zugleich der Mutter trägt, durchschaut man das Prinzip, aber es ist zu spät. Man kann der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen, man hat die Chance verpasst, einen objektiven Standpunkt einzunehmen, und ist mit Cleg zusammen dem Wahn verfallen.

Wie innere Wahnwelten, Halluzinationen und optische Täuschungen darzustellen seien – damit beschäftigen sich Regisseure, seit es das Kino gibt. Alle Medien liebäugeln mit dem Trugbild, mit der Täuschung, mit der Überlappung von Imagination und Wahrnehmung. Die innere Stimme, das schlechte Gewissen ist in Wort und Bild bis in die Werbung vorgedrungen. Akustische Halluzinationen hat zuletzt Hans Weingartner in „Das weiße Rauschen“ nahezu realistisch übernommen. Absolut authentisch, körperlich echt und damit irritierend erschienen mir die Wahngestalten in „Beautiful mind“, und ähnlich erging es mir in „Spider“. Wir sehen reale Szenen, mit den Augen des Kindes, die die Augen des erwachsenen Psychotikers sind. Doch eben weil wir den erwachsenen Psychotiker immer als Betrachter der Szene sehen, bleiben wir wach: er sieht, was wir sehen, oder sehen wir, was er sieht? Mit dem unberechenbaren Wechsel der Gesichter kommen erste Zweifel auf: hat der Vater vielleicht gar keine Geliebte, hat sich die Mutter dem langsam erwachenden Ödipus Spider zur Schlampe mutiert?

Wer hat wen getötet, und wer ist wer?

Das Spinnenmotiv dekliniert Cronenberg ausdauernd aber nicht penetrant durch: Keine einzige Spinne, kein einziges Spinnennetz kommt ins Bild. Der junge und der alte Cleg spannen Schnüre durchs Zimmer, der kleine Spider spielt das Fadenspiel, und in der Anstalt zerspringt eine Scheibe in zahllose Splitter, bis das Puzzle (!) in Form eines kreisförmigen Netzes wieder zusammengefügt wird. Ralph Fiennes herausragende Darstellung eines angstvoll fragmentierten, psychotischen Menschen beeindruckt und bedrückt zugleich. Braun, Grau und schmieriges Oliv sind die Farben dieses morbiden, hypnotisierenden Filmes. Letzten Endes ist es eine ethische, keine ästhetische Frage, ob menschliches Elend einem derart konsequenten Gestaltungswillen ausgeliefert werden darf.

„Spider“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Patrick McGrath.

Eine sehr ausführliche Besprechung von Ralf Zwiebel (Das Dilemma des Denkens. Anmerkungen zum Film „Spider“ von David Cronenberg) findet sich in dem Bändchen „Psychose im Film“, herausgegeben von Stavros Mentzos und Alois Münch, Forum der Psychoanalytischen Psychosentherapie Band 14.

Ilse Eichenbrenner

Aus „Soziale Psychiatrie“ 4/2004. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.