Offener Lerserbrief an den Spiegel

Zu Spiegel Nr. 12/2012 (S.61), Vertröstet und abgewimmelt.

Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen tun sich in der Tat schwer einen Psychotherapeuten finden.  Allerdings kann man die Problematik  keineswegs mit der einfachen Polarisierung reich und gesund findet einen Psychotherapeuten, arm und schwer krank findet keinen,  adäquat beschreiben.

Es gibt ein ganzes Bündel von Ursachen, warum schwer leidende  Menschen zu wenig qualifizierte psychotherapeutische Hilfe erhalten.  Die Fehlauffassung, dass Psychosen (Schizophrenie, manisch-depressive Erkrankung) vor allem den Hirnstoffwechsel betreffen und genetisch bedingt seien gibt es bei Betroffenen wie Professionellen. Forschungsgelder flossen vor allem in Projekte, die sich mit diesen Bereichen befassen.

Es gibt keinen einzigen Lehrstuhl in Deutschland, der sich mit der Psychotherapie schwerer psychischer Erkrankungen befasst. Und: selbst wenn die Psychotherapeuten gerne sogenannte schwer psychisch Kranke behandeln wollten, haben sie dies zum großen Teil nicht gelernt, auch die geltenden Psychotherapierichtlinien sind an dieser Stelle nicht angepasst und stellen damit eine Hürde für viele Psychotherapeuten dar.

Die Leitlinien für die Behandlung psychotischer Erkrankung empfehlen hingegen mit Nachdruck Psychotherapie: die Umsetzung dieser Leitlinien scheitert jedoch an den Voraussetzungen: zu wenig qualifizierte Psychotherapeuten für auch schwer psychisch Kranke, zu wenig Vernetzung, zu wenig Unterstützung bei den spezifischen Problemen solcher Behandlungen.

Die Therapeuten brauchen unbedingt andere Strukturen: neue Versorgungsstrukturen wie zB die Integrierte Versorgung unter selbstverständlichem Einbezug der Psychotherapie und eine qualifizierte Ausbildung sowie die Änderung der Richtlinien können hier viel mehr erreichen, als die Zulassung von mehr Psychotherapeuten. Die Notwendigkeit ist längst erkannt, und Initiativen wie der Dachverband für Psychosenpsychotherapie (DDPP e.V.) und IV Projekte in ganz Deutschland sind wichtige Ansätze, den Menschen, die in die aktuellen Psychotherapeutenpraxen nicht ankommen, grundlegend zu helfen.

Dr. Dorothea von Haebler, Berlin
Vorstandsvorsitzende des DDPP e.V.

Der Spiegelartikel hat auch Reaktionen anderer Verbände hervorgerufen:

Verband Psychologischer Psychotherapeuten (VPP)